• Studie: Brandenburgern fehlt der Unternehmergeist Unipsychologen werteten Daten von 20 000 Bundesbürgern aus. Die Berliner überraschten

Berlin : Studie: Brandenburgern fehlt der Unternehmergeist Unipsychologen werteten Daten von 20 000 Bundesbürgern aus. Die Berliner überraschten

Alexander Fröhlich/Andreas Hummel

Potsdam - Es mag an der DDR-Vergangenheit liegen, vielleicht auch an den preußischen Wurzeln, der Tradition des pflichtbewussten Untertanentums. Oder fehlen einfach nur Umtriebigkeit und Mut? Dem Brandenburger liegt jedenfalls das Wirtschaften als Unternehmer nicht. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Universität Jena. Demnach liegen Berlin und Hamburg laut einer Studie zur „Verteilung unternehmerischer Persönlichkeitsstruktur“ vorn, während Brandenburg und Sachsen die Schlusslichter sind. Andere norddeutsche Länder wie Schleswig-Holstein und selbst das strukturschwache Mecklenburg-Vorpommern belegen vordere Plätze. „Dort scheint nach wie vor der hanseatische Geist stark ausgeprägt zu sein“, sagt der Psychologe Martin Obschonka von der Uni Jena.

Die Forscher zogen für die Studie Eigenschaften heran, die eine unternehmerische Persönlichkeitsstruktur begünstigen. Mit seinen Kollegen hat Obschonka eigenen Angaben zufolge erstmals Karten erstellt, wie Persönlichkeitsmerkmale, die den Schritt in die Selbstständigkeit begünstigen, verteilt sind.

„Bestimmte Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit, Offenheit für neue Erfahrungen und Extrovertiertheit sind wichtig für eine unternehmerische Persönlichkeitsstruktur“, sagt Obschonka. Daher haben die Forscher untersucht, wie diese regional verteilt sind, und dazu Daten von rund 20 000 Deutschen ausgewertet. Die Ergebnisse sind den Angaben zufolge auf Bundesländerebene repräsentativ. Thüringen landet dabei im Mittelfeld auf Platz acht vor wirtschaftlich starken Ländern wie Baden-Württemberg (11) und Hessen (12). Das Saarland und Rheinland-Pfalz konnten bei der Untersuchung aus methodischen Gründen nicht berücksichtigt werden. Über die genauen Ursachen der regionalen Unterschiede können die Forscher nur Vermutungen anstellen. Oftmals sei es wohl „ein Schatten der Vergangenheit“, sagt Obschonka. „Unsere Befunde aus den USA, wo wir Persönlichkeitsdaten von mehr als einer halben Million Menschen analysiert haben, deuten darauf hin, dass großindustrielle Strukturen mit Massenproduktion nicht unternehmerische Persönlichkeitseigenschaften zu fördern scheinen.“ Genau das trifft auch auf Brandenburg zu.

Auch Zu- und Abwanderung spielten eine Rolle, sagt Obschonka. Hier vermute er die Ursachen für das schlechte Abschneiden Brandenburgs und Sachsens. „Viele Unternehmer sind nach dem Zweiten Weltkrieg von dort weggegangen und haben Betriebe in Westdeutschland aufgebaut.“ Auch nach der Wiedervereinigung seien viele Menschen mit Sinn für Unternehmertum fortgezogen, um woanders ihr Glück zu suchen. Brandenburgs Wirtschaft ist tatsächlich vor allem durch Großbetriebe und Kleinstunternehmen gekennzeichnet, den klassischen Mittelstand mit mehr als 50 Mitarbeitern wie im Westen gibt es kaum.

Die Herausbildung von Unternehmergeist sei ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren wie Persönlichkeit, Erziehungsstil und inwieweit es Rollenvorbilder etwa in der Familie gebe, sagt der Psychologe. Studien zeigten, dass eine leistungsorientierte Erziehung, die dennoch Wärme vermittle, die Entwicklung von Unternehmerpersönlichkeiten begünstige. Der Wissenschaftler hat auch einen Rat für die Politik: „Für einen Gründerboom reicht es nicht, die äußeren Bedingungen für Existenzgründer zu verbessern“, sagt Obschonka. Allerdings seien solche regionalen Persönlichkeitsstrukturen schwerer zu ändern und wirkten sicherlich über Jahrzehnte fort. In Brandenburg also Preußen und die DDR. Alexander Fröhlich/Andreas Hummel

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