Berlin : Studienziel: Chef

Vor dem Start der Hertie School für Führungskräfte

Sebastian Leber

Wenn Gulsana Kojomkulova erzählt, warum sie nach Deutschland gekommen ist, werden sich manche hier wundern. In ihrer Heimat Kirgisien in Zentralasien gilt das deutsche Bildungswesen als „das beste weltweit – qualitativ ganz oben und sehr modern“. Zumindest was ihren eigenen Studiengang betrifft, dürfte Gulsana nicht ganz falsch liegen. Sie ist eine von 30 Studenten, die ab dieser Woche den neuen Elite-Studiengang „Public Policy“ an der privaten Hertie School of Governance beginnen.

Zwei Jahre lang werden die Studenten am Schlossplatz 1 in Mitte zu Führungskräften herangezogen. Unterricht gibt es in den Fächern Politik, Wirtschaft und Recht, aber auch in Rhetorik und Verhandlungsführung. „Nein, wir bilden nicht nur Ministerpräsidenten aus“, sagt Hertie- School-Sprecher Ulrich Brömmling. Aber dass die Absolventen später einmal Spitzenjobs beim Staat oder bei internationalen Organisationen besetzen, sei „zumindest nicht auszuschließen“. Der komplette Unterricht findet auf Englisch statt, es geht viel um Globalisierung und weltweit vernetzte Politik – und wie Verwaltungen einzelner Staaten damit umgehen. Verena Mauch aus Ravensburg möchte nach ihrem Abschluss vielleicht bei der UN arbeiten. Genau weiß sie es nicht, nur sinnvoll soll die spätere Beschäftigung bitteschön sein: „Ich mache das hier doch nicht, um hinterher die Erträge irgendeines Zahnbürstenkonzerns zu steigern.“

Die Hälfte der Studenten sind Deutsche, der Rest kommt aus Osteuropa, Afrika, Asien – und aus Australien: Nick Menzies hat sich in Berlin beworben, weil er bei einer neuen Schule auf neue Ideen hofft: „In Boston, London oder Paris kann man das Gleiche studieren. Aber dort sind alle Konzepte längst bekannt, das interessiert mich weniger.“ Um einen Platz an der Hertie School zu ergattern, mussten sich die Studenten gegen 150 Mitbewerber durchsetzen. Ohne vorherigen Studienabschluss, exzellente Noten und Auslandserfahrung hat man keine Chance. Florin Nita aus Rumänien kann mit 27 Jahren schon vier Studienabschlüsse vorweisen. Und Berlin soll nicht seine letzte Station sein: „Danach bewerbe ich mich vielleicht in Harvard.“

Während ihres Studiums kommen die Teilnehmer mit Unternehmenschefs wie auch Spitzenpolitikern in Kontakt, jeder Student hat einen persönlichen Betreuer. Soviel Exklusivität kostet: 25 Millionen Euro stellt die Hertie-Stiftung bereit, 10000 Euro muss jeder Student pro Jahr bezahlen. Wer das nicht kann, darf ein Stipendium beantragen und bekommt nicht nur die Gebühr erlassen, sondern auch Geld für Unterkunft, Verpflegung und Anreise. Gulsana aus Kirgisien hätte sich ohne Stipendium nicht einmal den Flug hierher leisten können. Ihre Mutter – immerhin Stationschefin eines Krankenhauses – verdient umgerechnet 20 Euro pro Monat.

Am Dienstag wird der Studiengang mit einem Festakt eröffnet. Danach beginnt der Unterricht – und der wird um einiges anstrengender als das Studium an einer Berliner Massenuniversität sein, sagt Ulrich Brömmling: „Viel Zeit für anderes bleibt da wohl nicht.“

Bewerbungsschluss für den nächsten Jahrgang ist der Februar 2006. Unterlagen und Infos gibt es im Internet unter www.hertie-school.org.

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