Studieren in der Heimat : Berlins Landeskinder verdienen einen Bonus

Ganz Deutschland will an unsere Unis, darum gibt es immer weniger Studienplätze für Berliner Abiturienten. Doch viele Familien können ihrem Kind ein Studium auswärts nicht bezahlen – eine Ungerechtigkeit. Und der Senat schaut zu.

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Massenweise Konkurrenz. Nur noch jeder dritte Berliner Studierende kommt aus der Stadt – Anteil weiter sinkend.
Massenweise Konkurrenz. Nur noch jeder dritte Berliner Studierende kommt aus der Stadt – Anteil weiter sinkend.Foto: dpa

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin ... Alle wollen sie in die Hauptstadt, die Abiturienten aus Waldbröl, Weiden oder Mettmann, um hier zu studieren. Nie gab es so viele Studenten wie jetzt, doch trotz 152.000 Studienplätzen finden immer weniger Berliner einen Platz in den Hörsälen ihrer Heimatstadt. „Diese Situation tut mir weh“, hieß es erst am vergangenen Wochenende im Tagesspiegel in dem Leserbrief eines Gymnasiallehrers: „Selbst mit einem sehr guten Abitur ist es schwer, in Berlin einen Studienplatz zu bekommen, mit einem guten Abitur nahezu unmöglich“. Und die eigene Tochter erzählt, dass aus ihrem Abitursjahrgang niemand einen Platz an den Hochschulen der Stadt erhalten hat. Insgesamt kommt nur noch jeder dritte Studierende aus Berlin – Anteil weiter sinkend. Das ist absurd, das ist ungerecht, das ist nicht hinnehmbar.

Berliner Familien dürfen nicht dafür bestraft werden, dass alle Welt meint, das lockend-hippe Berlin sei der einzig rechte Platz für ein Studium. Im Ergebnis ist der Numerus clausus an der Spree in absurde Höhen gedrückt worden, weil auf jeden Studienplatz zehn Bewerbungen kommen.

Selbst eine glatte Eins ist in Berlin für Medizin nicht mehr ausreichend, um ohne Wartesemester hier studieren zu dürfen. Und auch am Otto-Suhr-Institut, früher die verschnarchte Schwatzbude der Freien Universität, wird für den Studiengang Politik jetzt ein Abiturschnitt von 1,2 fällig. Generationen von OSI-Absolventen werden sich darüber schlapplachen.

Na und, der Bessere ist des Guten Feind! Sollen die Berliner Abiturienten doch nach Passau ziehen oder Kiel! So kann man im bausparvertragsabgesicherten Baden-Württemberg denken, wo es für den monatlichen Scheck für den Sohnemann immer noch reicht. Ist doch alles so schön billig in Berlin! Und außerdem spart man vielleicht auch noch die heimatlichen Studiengebühren – die es an der Spree nicht gibt.

Gerd Nowakowski, leitender Redakteur.
Gerd Nowakowski, leitender Redakteur.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Jedem steht es frei, in anderen Städten studieren zu wollen, aber niemand sollte dazu gezwungen werden, wegziehen zu müssen. Wer es sich leisten kann, mag seinen Kindern durchaus die Erfahrung anderer Universitätsstädte finanzieren. Wegziehen ist aber keine Alternative für all jene, die hier in der Stadt mit einem der bundesweit niedrigsten Durchschnittseinkommen hart knapsen und für die Zukunftschancen ihrer Kinder kämpfen müssen. Es kann auch nicht sein, dass Berlin – sonst immer als Schmarotzer der Republik geschmäht – die universitäre Service-Einrichtung für alle Bundesländer wird – und wir dafür unsere eigenen Kinder preisgeben. Mancher Studienwunsch scheitert hier daran, dass sich die Berliner Familie nicht leisten kann, ihrem studierwilligen Abiturienten die Wohnung, Verpflegung, Heimfahrtkosten und Studiengebühren in einem anderen Bundesland zu zahlen, während er in Berlin kostensparend in der heimischen Wohnung bleiben könnte. Zumal Berliner Abiturienten durch das verkürzte Abitur nach zwölf Jahren immer häufiger noch minderjährig sind. Und von migrantischen Berlinern ist zu hören, dass Mädchen zuweilen nur erlaubt wird, in Berlin quasi unter elterlicher Aufsicht zu studieren, in keinem Fall aber in einer anderen Stadt. So leicht zerschellen Lebensträume.

Das darf so nicht weitergehen. Die Landesregierung aber schaut ziemlich desinteressiert zu, was sich an Frust aufbaut. Dabei hatte Jürgen Zöllner (SPD), bevor er als Bildungssenator nach Berlin wechselte, schon als vormaliger rheinland-pfälzischer Wissenschaftsminister versucht, die dortigen studiengebührfreien Universitäten vor der Invasion hessischer Studenten zu schützen. Glasklare Landeskinderklauseln werden zwar als nicht verfassungskonform einkassiert. Möglich aber wäre etwa, dass Berliner Abiturienten NC-wirksame Bonuspunkte durch den Besuch studienvorbereitender Seminare erhalten. Die Bildungsverwaltung hatte so etwas angekündigt, passiert ist nie was. Auch andere Überlegungen von Zöllners Nachfolgerin Sandra Scheeres sind nicht bekannt. Es muss aber etwas geschehen – außer man freut sich über ein erstklassig effektives Landeskinder-Vertreibungs-Programm.

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