Berlin : Stühlerücken unter der Reichstagskuppel

Für die Bundespräsidentenwahl am 23. Mai muss der Plenarsaal mit der doppelten Zahl von Sitzen ausgestattet werden

Christian van Lessen

Der Platz wird knapp im Reichstag: „Delegierte, Ersatzdelegierte, Fraktionsgäste, eingeladene Diplomaten, Journalisten – wir sind schnell bei 4000 Leuten“, schätzt Bundestagssprecher Hans Hotter. Auf so viel Andrang ist das Reichstagsgebäude noch nicht vorbereitet. Bis die Bundesversammlung hier am 23. Mai das Staatsoberhaupt wählt, muss allein das Plenum mit der doppelten Zahl von Sitzen ausgestattet werden.

Für den Bundestag ist die Versammlung „eine sehr aufwändige Geschichte“, sagt Hotter. Zu den derzeit 602 Bundestagsabgeordneten (wegen eines Todesfalls fiel ein Sitz weg) müssen 603 Ländervertreter und 69 Ersatzdelegierte im Plenum untergebracht werden. Für Dienstag und Mittwoch ist das große Stühlerücken geplant: Hinter den ersten sechs Stuhlreihen, die mit Tischen fest verankert sind, werden die hinteren Reihen ausgewechselt und mit gemieteten Konferenzstühlen bestückt. Insgesamt dürfte es im Parlamentssaal mit den vielen Hinterbänklern also recht echt eng werden. Zusätzlicher Platz für „normale“ Zuschauer wird dabei nicht geschaffen, und die Kuppel als möglicher Beobachtungspunkt ist aus Sicherheitsgründen während der Wahl gesperrt. Aber die ARD hat versprochen, dem Publikum Ersatz zu bieten. Sie will vor der Westseite des Reichstags eine Großleinwand aufstellen.

Auf den Tribünen werden die Ersatzdelegierten, Pressevertreter, Gäste der Fraktionen und Diplomaten untergebracht. Bislang ist noch nicht klar, wie viele Gäste überhaupt kommen. Jeder Abgeordnete darf eine Begleitung mitbringen. Klar ist nur, dass alle nicht im Plenum und auf den Tribünen Platz finden, sondern in anderen Räumen des Hauses, etwa dem großen Protokollsaal, untergebracht werden müssen. Dort stehen dann Videoleinwände, die den Gästen das Gefühl vermitteln, wirklich dabei zu sein. Damit sich Ortsfremde im Haus nicht verirren, stellt die Verwaltung Wegweiser auf. Für die Bundesversammlung im Plenum sind bereits mehrfarbige Wahlkarten gedruckt: Blaue für den ersten, gelbe für den zweiten Wahlgang, über den dritten würde Orange entscheiden. Aber so weit dürfte es vermutlich nicht kommen. „Alle gehen von Blau aus“, sagt Hotter – und davon, dass der Wahlgang nach zweieinhalb Stunden abgeschlossen sein wird. Die Union stellt, anders als im Bundestag, die stärkste Gruppe, ihr Kandidat Horst Köhler hat rechnerisch nun mal die besten Chancen.

Nicht nur die Versammlung selbst muss organisatorisch bewältigt werden. Auch die Wegstrecken im Haus sind zu regeln: Für die Delegierten steht der Ost-Eingang des Reichstags am Ebertplatz zur Verfügung, vom Süden her kommen Diplomaten und andere Gäste – die Scheidemannstraße muss deshalb für den Durchgangsverkehr gesperrt werden. Medienvertreter können nur durch den Nordeingang ins Haus kommen.

Die Bundestagsverwaltung ließ für die Ländervertreter in fünf Hotels Zimmer reservieren. Für die Zugereisten wird ein Übernachtungsgeld von 75 Euro gezahlt, darüber hinaus gibt es für alle Teilnehmer der Bundesversammlung ein Tagesgeld von 55 Euro und für die Fahrtkosten – ob sie nun BVG fahren oder Taxi – eine Pauschale von 75 Euro. Vor allem sollen die Delegierten aber natürlich im Reichstag sitzen – und das neue Staatsoberhaupt wählen.

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