Berlin : Stunden voller Ungewissheit

Im Vivantes-Klinikum Neukölln mussten zwei Patienten stundenlang auf einen Arzt warten – und das, obwohl sie Notfälle waren

Liva Haensel

Als der Schmerz sie durchfuhr, telefonierte sie gerade mit einer Bekannten. Ihre Hand fing an zu flattern. Hilde D. (Name geändert) kannte die Vorzeichen bereits – sie hatte schon zwei Schlaganfälle hinter sich und einen Herzinfarkt. Zehn Minuten später transportierten Feuerwehrleute die 72-jährige Frau mit Blaulicht in das Vivantes Klinikum Neukölln. Hilde D. wurde um 18 Uhr in ein Bett auf der Notfallaufnahme gelegt. Und das große Warten begann für die zierliche Frau mit dem Herzanfall.

Ein Pfleger machte nach einer halben Stunde ein EKG zur besseren Herzdiagnostik der schwerkranken Patientin. Ein diensthabender Arzt kam aber erst nach sechs Stunden, um Mitternacht. „Mein Mann war die ganze Zeit bei mir und hat zwischendurch das Pflegepersonal gefragt, ob nicht mal jemand kommen könnte“, sagt sie. Doch die Antwort war immer dieselbe: „Bedanken sie sich bei Ulla Schmidt und: Wir haben nur einen einzigen Arzt für die Notaufnahme.“

Hilde D. sagt, sie habe mit zwölf anderen Patienten – teils stöhnend vor Schmerz – im Flur gelegen. Der Arzt, der schließlich nach sechs Stunden kam, sei ein „freundlicher Internist gewesen“. Er habe sie schließlich auf die Neurologie überwiesen. Ihre Schmerzen seien glücklicherweise allmählich abgeklungen. Was aber wäre passiert, wenn sich Hilde D.s Zustand verschlechtert hätte?

Auch Hans Neuner (Name geändert) hat das Vertrauen in die Gesundheitsversorgung der Berliner Krankenhäuser verloren. Wegen einer Schulteroperation war der Altenpfleger im Vivantes-Klinikum Neukölln auf der orthopädischen Station operiert worden. Zwei Tage nach der OP bemerkte Neuner einen starken Schmerz in der linken Wade. „Thrombose!“ war sein erster Gedanke. Krankenschwestern und Pfleger hätten sofort mit Erste-Hilfe-Maßnahmen reagiert: Bein hochlegen, ruhig stellen, abtasten. Und sie riefen den diensthabenden Arzt. Der kam auch – nach zwölf Stunden. Neuner erhielt daraufhin eine Heparin-Salbe zum Einreiben und einen Wadenwickel. „Untersuchungen wurden überhaupt nicht gemacht. Der Arzt war nach zwei Minuten wieder verschwunden“, sagt er. Auch er hatte wie Hilde D. Glück im Unglück: Sein Hausarzt stellte später fest, dass eine Thrombose ausgeschlossen sei und er wohl an Kalziummangel leide. Was ihm bleibt, ist Wut, Ohnmacht und die Angst, irgendwann wieder ein Notfall zu sein, der auf Hilfe wartet, die nicht rechtzeitig kommt.

Gerd D., der Mann von Hilde D., pflegt seine Frau seit Jahren und hat schon viele Krankenhäuser von innen gesehen. Sein bitteres Fazit: „Wer die Notfallambulanz überlebt, ist gut versorgt.“

Die Patientenbeauftragte Karin Stötzner bekommt täglich Briefe und Anrufe von Menschen wie Gerd D., die sich vor allem über die schlechte Versorgung in den Rettungsstellen beklagen. Auch über die Rettungsstelle des Vivantes-Klinikums Neukölln gingen bei ihr in den letzten Monaten mehrere Beschwerden ein.

Wer stundenlang auf einen Arzt warten musste oder sich schlecht versorgt fühlte, habe mehrere Möglichkeiten, sagt sie: Patienten können um ein Gespräch mit den Patientenfürsprechern der Krankenhäuser bitten. Sie können ein Gespräch mit der leitenden Stationsärztin oder -arzt verlangen. Oder sie können sich schriftlich an die Leitung des Krankenhauses oder den Qualitätsbeauftragten für das Beschwerdewesen wenden. Zudem ist die Patientenbeauftragte selbst für Anfragen zuständig. „Viele Patienten finden besser Gehör, wenn sie Angehörige haben, die sich für ihre Anliegen während des Krankenhausaufenthalts einsetzen können“, rät Stötzner.

Gerd D. schrieb einen detaillierten Bericht über den Krankenhausaufenthalt seiner Frau und schickte ihn an das Vivantes-Klinikum Neukölln, die Barmer Ersatzkasse, bei der seine Frau versichert ist, und die Gesundheitsverwaltung.

Eine Mitarbeiterin des Vivantes-Qualitätsmanagements antwortete mit einem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt. Darin verspricht sie eine endgültige Stellungnahme zum Sachverhalt und bedauert, dass Gerd. D. „mit den Leistungen unseres Hauses in Zusammenhang mit der Erstversorgung seiner Frau nicht zufrieden sein konnte“. In so einem Fall würden die behandelnden Ärzte schriftlich Stellung nehmen, ergänzt Pressereferentin Astrid Zawodniak. Auch ein klärendes Gespräch sei möglich, wenn „das gewünscht wird.“ Mehr Details zu beiden Fällen könne Zawodniak nicht geben, weil beide Patienten den Klinikkonzern dazu von der Schweigepflicht entbinden müssten. Dies lehnten Hilde D. und Hans Neuner ab.

Die Barmer Ersatzkasse meldete sich gleich per Telefon bei dem Ehepaar, um zu erfahren, was Hilde D. wiederfahren war. „Der Einzige, der sich nicht gemeldet hat, ist der Senat“, sagt Gerd D. Bis heute habe er keine Antwort auf seinen Brief zu den Zuständen im Klinikum Neukölln bekommen. Liva Haensel

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