Berlin : Sturm der Begeisterung

Für Meteorologen war Kyrill ein Glücksfall Die Erklärung einer dramatischen Wetterlage

Stefan Jacobs

Friedrich Föst entfährt ein „Boah!“, als er die Luftdrucktabelle der Sturmnacht studiert: Sensationell niedrige 961 Hektopascal waren es im Zentrum des Orkantiefs über der dänischen Ostsee – und immer noch erstaunlich geringe 975 in Berlin. Und zwar um 19 Uhr und damit auf dem ersten Höhepunkt eines für Meteorologen höchst spannenden Wettergebräus. Messstationen in der Stadt haben das Unwetter über Berlin minutiös dokumentiert – und Friedrich Föst vom Dienst MC-Wetter kann es erklären.

Ein halbes Monatssoll an Regen ist allein in der Stunde zwischen 18 und 19 Uhr auf die Stadt niedergeprasselt: rund 30 Liter auf den Quadratmeter – das entspricht einer drei Zentimeter tiefen Lache. Im Südosten war es sogar noch mehr, weil sich quasi aus dem Nichts eine Gewitterzelle gebildet hatte. Die regnete schon ab, als von Nordwesten her die Kaltluft aus dem Polargebiet heranwehte und auf subtropische Luft aus der anderen Richtung traf. Die Folge waren Blitz und Donner, und weil in der kalten Luft viel Feuchtigkeit kondensierte, goss es wie aus Eimern.

Die Regenwand wirkte zugleich wie ein „Fahrstuhl“, der den zuvor nur in großer Höhe tobenden Orkan bis hinab auf die Erde zog. In den nördlichen Berliner Bezirken war dieser Effekt besonders heftig, so dass es beispielsweise in Tegel Böen der Stärke zwölf gab. Dem Süden sollte das Schlimmste noch bevorstehen.

Nachdem die Luft sich binnen zwei Stunden um fast sechs Grad abgekühlt hatte und die Regenfront weitergewandert war, ließ ab etwa 19 Uhr auch der Wind deutlich nach – zumindest am Boden, wo auch die Temperatur wieder um zwei Grad stieg. Doch in der Höhe stürmte es weiter, und gegen halb elf setzten die nächsten Schauer wieder den „Fahrstuhl“ in Gang. Eine der ersten dieser Böen muss es gewesen sein, die den Stahlträger vom Hauptbahnhof riss. Wenig später maß der Wetterdienst Meteomedia in Adlershof den Berliner Tagesrekord von 146 km/h.

In den folgenden drei Stunden schüttete es wieder kräftig, so dass über den Tag mehr als das durchschnittliche Januar-Soll von rund 50 Litern pro Quadratmeter zusammenkam. Die Temperatur sank erneut um drei Grad, aber der Luftdruck stieg, so dass auch der ausgleichende Sturm nicht mehr pfiff wie durchs Ventil.

Abgesehen vom „Düseneffekt“ mancher in West-Ost- Richtung verlaufenden Straße war das Wetter in Berlin nicht anders als auf dem platten Land. Aber es war anders, als es in früheren Wintern häufig war: Oft setzte sich über Russland ein stabiles Hochdruckgebiet fest, das die von Südwesten heranziehenden Tiefs mit ihrer milden, feuchten Luft nach Norwegen abdrängte. Noch ist der veränderte Trend instabil. Aber er zeigt, dass Klimawandel mehr bedeuten kann, als dass es einfach wärmer wird.

Nach einem noch windigen Samstag soll die Kette der Tiefs abreißen: Ab morgen wird es kälter, ab Dienstag sind auch tagsüber kaum null Grad drin. Das Wetter wird friedlich – vorerst.

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