Berlin : Stuttgarter Vorbeter

Baden-Württemberg will staatliche Islamstunden. Das bestärkt die Kritiker des Berliner Senats

Claudia Keller,Susanne Vieth-Entus

Die Debatte um den Werteunterricht kehrt in Berlin zu ihrem Ursprung zurück: zur Frage, welchen Islamunterricht man den muslimischen Kindern anbieten will. Am Dienstag hatte Baden-Württemberg bekannt gegeben, probeweise staatlichen Islamunterricht an Schulen einzuführen. Auch in einigen Schulen in Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz wird ein solcher Unterricht getestet.

Die FDP, die CDU und die Kirchen wollen, dass sich Berlin diese Länder als Vorbild nimmt. „In dem Moment, wo staatlicher Islamunterricht in anderen Bundesländern zu gelingen scheint, meldet sich Berlin ab“, empörte sich gestern Richard Schröder, Theologe und SPD-Mitglied auf Einladung der FDP-Fraktion.

Anders als die Mehrheit seiner Genossen ist er gegen ein Pflichtfach Ethik für alle – und für das von Schulsenator Klaus Böger (SPD) favorisierte Modell eines Wahlpflichtfaches. Dann könnten die Kinder zwischen Lebensgestaltung/Ethik/Religion, evangelischem, katholischem und islamischem Religionsunterricht wählen.

Nach diesem Modell würde das Schulamt zusammen mit den christlichen und islamischen Religionsgemeinschaften die Lehrpläne erarbeiten und die Lehrer ausbilden: Für Schröder der Königsweg hin zu einem kontrollierbaren Islamunterricht auf einem breiten Fundament, den man dann nicht mehr der konservativen Islamischen Föderation überlassen müsse. „Persönlich beleidigt“ hat den Theologen die Unterstellung von SPD- und PDS-Politikern, die Kirchen würden im Religionsunterricht indoktrinieren. „Hat sich die Evangelische Kirche etwa im Herbst 1989 durch Indoktrination und Demokratiefeindlichkeit hervorgetan“, fragt Schröder. „Uns so etwas vorzuwerfen, ist schon ein starkes Stück.“

Für den SPD-Bildungsexperten Peter Schuster ist Baden-Württemberg kein Vorbild. Er gehört zu jenen in der SPD, die ein gemeinsames Pflichtfach Ethik wollen. Parallel sollen die Religionsgemeinschaften ihre freiwilligen Angebote aufrechterhalten. Um den Einfluss der Islamischen Föderation einzudämmen, fordert er „aufgeklärte Muslime“ auf, ein konkurrierendes Angebot zu organisieren.

Schuster glaubt nicht, dass es mit Hilfe eines Wahlpflichtmodells gelingen würde, die Föderation besser als bisher zu kontrollieren. Denn auch auf den staatlichen Islamunterricht könnten die Religionsgemeinschaften Einfluss nehmen, zum Beispiel, indem sie einem Lehrer die Lehrerlaubnis entziehen. Dieses Recht hätten die christlichen Kirchen schließlich auch. Zudem geht Schuster davon aus, dass die Föderation nicht bereit ist, gemeinsam mit liberaleren Muslimen und dem Land über die Einführung eines staatlichen Islamunterrichts nachzudenken: Da die christliche Kirchen zwei separate Fächer unterrichten dürften, könne man dies den Muslimen nicht verwehren.

Das sieht der CDU-Bildungsexperte Gerhard Schmid anders. Er ist für ein Wahlpflichtmodell und plädiert dafür, einen Lehrstuhl für die Ausbildung der Islamlehrer einzurichten. Wie auch Schröder und die FDP geht er davon aus, dass ein ordentliches Unterrichtsfach „Islam“ dem Staat eine gute Kontrolle ermögliche, da er bei der Auswahl der Lehrer und bei den Lehrplänen mitreden könne. Auch er hält den Baden-Württemberger Weg für richtig.

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