Und irgendwann war er weg

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Suche per Kleinanzeige : Nur eine Person gegen die "gottverdammte Einsamkeit"
Lena Niethammer

Es dauerte 57 Minuten, bis mein Handy klingelte. Entwarnung. Sie sagten, sie hätten ihn in einer suizidalen Situation aufgefunden, aber es sei nicht zum Äußersten gekommen.

Eine Stunde später meldete sich Dose. Er schrieb eine Nachricht, in der er sich über irgendeinen Mann aufregte, der seine Fußballschals kaufen wollte, er schrieb das so, als hätte ich nicht gerade die Polizei zu ihm geschickt. Erst als ich nicht locker ließ, schrieb er, er sei doch eh zu feige dafür. Er glaube, er habe damit Frust ablassen wollen, aber die Menschen verstünden ja alles falsch.

Meine nächste Mail war lang und wütend. Er müsse sich bewusst machen, was eine solche Nachricht auslöse. Welche Sorge. Was würde er denn bitte machen? Nicht die Polizei rufen? Und wenn dann doch etwas passierte?

Er brachte einen Porzellanelefanten zu unserem nächsten Treffen mit. „Ist doch dein Lieblingstier, oder? Du hast doch immer diese Kette mit dem Elefantenanhänger um.“

In den kommenden Monaten spielten wir viel Kniffel und sprachen viel über den Tod. Dose liebte Kniffel. Er erzählte, dass sein erster Selbstmordversuch vor vielen Jahren eine Kurzschlussreaktion auf einen Streit gewesen sei. Als er glaubte, den Tod bereits spüren zu können, packte ihn die Angst. Bloß nicht sterben. Er rief den Rettungswagen, lief blutend auf die Straße und sagte den Menschen, er habe sich am Fenster verletzt.

Als seine Eltern ihn später im Krankenhaus besuchten, fragte seine Mutter: „Was machst’n so ’ne Scheiße?“ Und Dose schämte sich so.

Er stand danach noch dreimal an der Schwelle. Einmal warf er einen Föhn in die Wanne und direkt wieder raus, er stand auf einem Hochhaus, konnte aber nicht springen, und das Mal, als ich die Polizei rief, da hatte er Tabak in einem Glas Wasser gelöst. Doch er trank nur einen Schluck.

„Weißt du“, sagte Dose, während er eine große Straße würfelte und ich den Kniffel strich, „nach dem ersten Mal mit den Pulsadern war die Lebenslust wieder da. Alles war plötzlich klar und einfach.“ Er zündete eine Zigarette an. Dann sagte er: „Ich weiß manchmal selbst nicht, ob ich nur wieder dieses Gefühl will oder wirklich sterben.“

Mein Email-Eingang entwickelte sich in dieser Zeit zu so etwas wie Doses digitalem Tagebuch. Jeden Tag erhielt ich eine minutiöse Beschreibung seines Alltags, mindestens eine DIN-A4-Seite lang. Er listete jede Kopfschmerzattacke auf, bewertete sie auf einer Schmerzskala von eins bis zehn. Er schickte Videos von Tieren, die ihn berührt hatten. Und Songs von Björk, die ihm Halt gaben.

Ich antwortete jeden vierten Tag.

Manchmal, wenn wir uns sahen, alle paar Wochen einmal, brachte ich ihm Broschüren von Psychologen oder Selbsthilfegruppen mit, ich schnitt Texte aus, in denen Menschen berichteten, wie schwer es für sie war, eine Therapie zu beginnen, und wie gut, als sie sich endlich darauf einließen. Er tat das alles ab, aber das war okay, ich wusste ja, dass er das nicht einfach annehmen würde, so war er. Ich hoffte, dass er irgendwann ankommen würde, um es mir als seine Idee zu verkaufen.

An anderen Tagen saß er kopfschüttelnd da und weinte. „Es liegt an mir. Ich bin ein totaler Versager“, sagte er dann oft.

Dann wieder schwieg er nur.

Erst im Winter kam sein Lächeln zurück. Er war zum Spielen vorbeigekommen, bei ihm war es zu kalt für ein Treffen, er hatte die Heizung letzten Monat nicht bezahlen können.

„Boah, ich muss dir was zeigen“, sagte Dose und holte seine Kamera raus. „Als ich aus der S-Bahn ausgestiegen bin und die wegfuhr, waren 20 Ratten in den Gleisen. Die liefen da rum und hatten ganz sauberes Fell. So was Schönes.“

„Dose, geht’s dir etwa besser?“, fragte ich.

„Anders“, sagte er.

„Ist anders was Gutes?“

„Ja, ich sehe diese kleinen Sachen wieder. Und ich hatte ein Aha-Erlebnis. Aber leicht ist es noch nicht.“

Ein Aha-Erlebnis im Jobcenter

Mit dem Aha-Erlebnis meinte er eine Begebenheit im Jobcenter. Sie hatten ihn mal wieder vorgeladen, weil er sich nicht für Jobs bewarb. Als er in das Zimmer kam, saß da eine neue Sachbearbeiterin. Er setzte sich hin und fing sofort an, sie mit Rechtfertigungen zu überschütten. Die Kopfschmerzen. Die Einsamkeit. Die Traurigkeit. Aber anders als andere verdrehte diese Frau nicht die Augen, sie schimpfte auch nicht oder drohte mit Kürzungen. Sie sagte nur: „Beruhigen Sie sich erstmal. Das macht doch alles nichts. Selbst wenn Sie in zwei Jahren noch keine Arbeit haben, ist das okay. Sie müssen sich jetzt erstmal um sich und ihre Gesundheit kümmern. Den Rest regele ich.“ Dose hätte sie am liebsten geküsst.

Auf dem Weg nach Hause kam er zufällig an einem Treffpunkt für psychisch kranke Menschen vorbei. Er ging hinein. Sie sagten ihm, bei ihnen gehe es nicht gleich darum, über Probleme zu reden. Wichtig sei, überhaupt das Haus zu verlassen und wieder etwas zu unternehmen. „So geil“, sagte Dose. Jeden Donnerstag sei um 13.30 Uhr Spieletreff, und später gebe es eine Gruppe „Kreatives Fotografieren.“ Er wollte jede Woche hin.

„Eins noch: Ich dachte mir, wenn ich schon Teil dieser Gruppe von Verrückten bin, dann kann ich auch zu einem Psychologen gehen. Magst du vielleicht mitkommen?“

An einem eiskalten Wintermontag holte ich ihn ab. Es war neun Uhr morgens, Dose kam aus seinem Bad gestolpert. Er hatte seinen Ausgehpulli angezogen, einen mit Norwegermuster, der alle Tattoos verdeckte. „Wie sehe ich aus?“

„Bestens!“, sagte ich.

„Beängstigend?“

„Weniger als sonst.“

Er grinste, guckte auf die Uhr, neun Minuten noch. Er wollte einen guten Eindruck machen.

Das Wartezimmer der psychologischen Praxis war voll. Dose saß nach vorne gebeugt, Kopf auf den Händen, Arme auf den Knien. Er holte drei Din-A4-Blätter aus seiner Jackentasche, er hatte alle seine Probleme in eine Mindmap gepackt, es waren einfach zu viele, er hatte Angst, etwas zu vergessen. Wie er da saß, so verloren, wie er alles noch einmal durchging, als wäre er wieder in der Schule und müsse gleich ein Referat halten, wie er jedes Mal mit angsterfüllten Augen hochblickte, als eine Schwester das Wartezimmer betrat – er hatte etwas von einem kleinen Jungen. Ich legte meine Hand auf seine Schulter.

„Dose. Das wird schon.“

„Meinst du?“

„Ja!“

„Sicher?“

Dann wurde sein Name aufgerufen. Er ging in das Zimmer, das spärlich möbliert war: eine Liege, ein Stuhl, eine Packung Taschentücher griffbereit, eierschalenfarbende Gefühlsneutralität. Dose setzte sich erst auf die Liege, dann auf den Stuhl. Die Psychologin, Ende 30, braune Haare, lächelte freundlich. „Warum sind Sie denn hier?“

Dose fing seinen ersten Satz fünfmal an, seine Stimme überschlug sich, er holte seine Zettel raus, erklärte, er habe sich Stichpunkte gemacht, kriegte dann endlich die Kurve und fing an aufzulisten. Erst die Probleme, die Cluster-Kopfschmerzen, die Frau, die es nicht gibt, die Wohnung, die Selbstmordversuche, die Traurigkeit. Dann alles noch einmal chronologisch. Er redete so schnell, bald waren es 15 Minuten, und die Psychologin beugte sich schon nach vorne, bereit ihn zu unterbrechen, hätte er nur einen Moment innegehalten. Sie berührte sogar seinen Arm. Sah er das denn nicht? Es waren jetzt 30 Minuten.

Irgendwann nahm sie ihm die Zettel aus der Hand, atmete einmal tief durch und sagte: „Sie haben mir aber viele Probleme.“ Sofort könne sie da gar nichts machen. Sie schlug eine wöchentliche Therapie vor. Ende Januar werde ein Platz frei, dann solle er bitte wiederkommen.

„Ach, und noch eins: Sie müssen versuchen die Selbstmordgedanken positiv zu sehen. Es bedeutet etwas, dass sie noch nicht tot sind. Und zweitens ist dieser Gedanke, dass es immer noch eine Möglichkeit gibt, auch eine Erleichterung, aus der man Kraft ziehen kann.“

Es war das letzte Mal, dass wir uns sahen

In der S-Bahn nach Hause sagte Dose, er hätte schon viel früher kommen sollen. Als wir uns verabschiedeten, umarmte ich ihn, zum ersten Mal, ein bisschen aus Stolz, ich war mir sicher, dass er auf dem richtigen Weg war.

Es war das letzte Mal, dass wir uns sahen.

Ich war wenig da in den nächsten vier Monaten, aber was er mir schrieb, klang wunderbar. Nur noch selten schien es schlechte Tage zu geben.

Durch eine neue Kleinanzeige bei Ebay hatte er eine Frau aus Potsdam kennengelernt. Er sagte, sie sei vielleicht nicht die hübscheste, aber wenn er ihr etwas erzähle, dann verstehe sie ihn wie niemand sonst. Und er verstand sie.

Er war sich noch nicht sicher, ob es wirklich etwas werden würde, aber er hatte sie sogar mit in die Wohnung genommen, und trotzdem seien sie sich näher gekommen.

Er fand eine Arbeit als Gärtner auf einem Friedhof. Am 25. April fasste er mir seine ersten elf Tage dort zusammen. Im Großen und Ganzen gefiel es ihm sehr gut, nur die Sicherheitsschuhe hätten zu Beginn etwas gedrückt, aber das sei ja harmlos. Die Kollegen seien sehr nett zu ihm, die Luft tue seinen Kopfschmerzen gut, und während er das Laub harke, könne er Eichhörnchen, Vögel und Feuerwanzen beobachten.

Es war die letzte Nachricht, die er mir schrieb.

Am 28. April 2015 lud Dose ein Video auf Facebook hoch. 3.48 Minuten. Es zeigt Bilder von ihm. Das letzte war ein Tattoo, das ich noch nicht kannte, ein Schriftzug: „Was nützt die Liebe in Gedanken.“ Drei Tage später, am 30. April 2015, nahm sich Dose das Leben.

Es dauerte, bis ich davon erfuhr. Ich wunderte mich nach ein paar Wochen, dass keine Nachrichten mehr kamen. Dann ging ich auf seine Seite, sah das Video und einige wenige R.I.P-Kommentare darunter. Alles, was ich später herausfand: Dose hatte in den Wochen zuvor seine Therapie wieder abgebrochen, die Frau und er hatten sich getrennt. Ich schrieb die Freunde an, die er noch auf Facebook hatte, aber keiner schien mehr zu wissen, keiner hatte in diesen letzten Tagen etwas von ihm gehört. Mit den meisten war der Kontakt schon lange eingeschlafen, und die wenigen, bei denen es nicht so war, wunderten sich: Er redete doch sonst immer über seine Gefühle. Und dann ging er einfach so, ohne einen Laut?

Irgendwann, vielleicht fünf Monate nach unserem ersten Treffen, fragte mich Dose, ob ich seine Geschichte überhaupt noch aufschreiben wolle. Ich sagte: „Ach, ich weiß nicht. Bei all dem Kuddelmuddel hier, was erzähle ich da? Du musst deinem Leben mal einen roten Faden geben, mein Lieber.“ Er lachte. Und sagte: „Eigentlich ist das doch was Schönes. Weil: Wir treffen uns halt trotzdem. Das ist nicht nur für einen Text.“

Er hatte recht. Es war schon sehr bald nicht mehr nur für einen Text. Ich weiß nicht, ob wir Freunde waren, mir scheint das etwas zu viel.

Es war ein paar Monate nach seinem Tod, als ich eine Maus durch eine Kneipentür entwischen sah und dachte: Das hätte Dose jetzt gefallen. Aber er konnte sie ja nicht mehr bemerken, sein Gesicht konnte nicht mehr sanft werden, nicht zuversichtlich, kein leises Lächeln mehr von ihm.

Weil er all das nicht mehr konnte, habe ich das in dem Moment für ihn übernommen.

Machs gut, lieber Dose.

Dieser Text erschien am 29. Oktober 2016 in der Tagesspiegel-Beilage Mehr Berlin und war online zunächst nur im Kiosk Blendle verfügbar.

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