Sucht in Berlin : Jeder vierte Teenager trinkt regelmäßig Alkohol

In Berlins Parks, auf Festen und Kneipen finden immer mehr schwere Besäufnisse von Kindern und Jugendlichen statt. Wer in der Klinik landet, hat oft zwei Promille.

Hannes Heine

Nach den jüngsten Alkoholexzessen Jugendlicher hat eine aktuelle Studie Erschreckendes festgestellt. Untersuchungen der „Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin“ zufolge trinkt bereits jeder vierte der 12- bis 17-jährigen Berliner regelmäßig Alkohol. In den vergangenen sieben Jahren ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Alkoholvergiftungen um 50 Prozent gestiegen. Bei der Hälfte der in Kliniken eingelieferten jungen Leute wurden mehr als zwei Promille Blutalkoholwert festgestellt.

Häufig wird in Cliquen bis zum Vollrausch getrunken: In Parks, auf Festen und in Kneipen werden große Mengen Alkohol innerhalb so kurzer Zeit konsumiert, dass ein Gefühl von Übelkeit erst dann aufkommt, wenn der Betroffene bereits stark betrunken ist. Erst am Donnerstag ist ein 15-jähriger Berlin-Besucher aus München nach einem Saufgelage in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Zuvor habe ein 16-jähriger Mitschüler des Jungen Spirituosen in einer Gaststätte gekauft, teilte die Polizei mit. Ermittlungen hätten ergeben, dass ein 34-Jähriger den Alkohol an die Minderjährigen verkauft hatte. Am vergangenen Sonntag war ein 16-jähriger Jugendlicher in Spandau mit einer Alkoholvergiftung gefunden worden. Er hatte mit gleichaltrigen Freunden auf einem Spielplatz gezecht.

Die Studie weist auf Motive für das kollektive Betrinken hin: Vor allem werde ausprobiert, was Erwachsene ebenfalls tun, meist aus schlichter Neugier. Außerdem wollten viele Jugendliche Spaß haben, Alkohol sei dabei der Treibstoff, hieß es. Immer wieder handelten Kinder aber auch aus Gruppenzwang.

So trinken mehr als drei Prozent der Elfjährigen in Berlin bereits Alkohol. Vor fünf Jahren war es noch ein Prozent. Auch Zehnjährige hätten nach Besäufnissen schon im Krankenhaus behandelt werden müssen. Dass Kinder und Jugendliche ihre Grenzen oft nicht kennen, sei besonders gefährlich, heißt es in der Studie. Hinzu komme, dass Alkohol als legitimes Genussmittel gehandelt würde und nicht als gefährliche Droge. Die meisten Alkoholvergiftungen Jugendlicher wurden dabei nicht in sozial schwachen Vierteln gezählt, sondern eher in Bezirken wie Steglitz-Zehlendorf.

„Wir brauchen eine Kultur der Verantwortung“, sagte Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention. Jugendliche unter 16 Jahren dürfen laut Gesetz gar keinen Alkohol erhalten, unter 18-Jährige nichts Hochprozentiges. Der Hotel- und Gaststättenverband erinnerte daran, dass Verstöße gegen den Jugendschutz mit hohen Bußgeldern geahndet werden können. Im Wiederholungsfall drohe ein Konzessionsentzug.

Bund und Länder hatten sich kürzlich auf ein Verbot so genannter Flatrate-Partys verständigt, also Festen bei denen für einen bestimmten Preis unbegrenzt viel Alkohol getrunken werden kann.

Die Debatte war im März durch den Tod eines Berliners ausgelöst worden. Der 16-Jährige soll rund 50 Tequila getrunken haben und war mit einem Blutalkoholwert von 4,4 Promille ins Krankenhaus gekommen. Der mutmaßlich verantwortliche Wirt wurde am Montag dieser Woche festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Körperverletzung mit Todesfolge vor. Hannes Heine

Mehr Informationen: Fachstelle Suchtprävention, Telefon 030/ 29 35 26 15, Internet: www.berlin-suchtpraevention.de

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