Süddeutscher Sondereinsatz : Wer die ungewohnten Züge im Nord-Süd-Tunnel fährt

Lokführer aus Stuttgart fahren mit Münchner S-Bahnen durch Berlin - was sich liest, wie ein verspäteter Aprilscherz, ist derzeit Wirklichkeit. Die Berliner S-Bahn muss sich nicht nur Züge, sondern auch Zugführer leihen - denn die Berliner Kollegen können diese nicht fahren.

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Eine von 18. Claudia Taraba fährt die roten Züge aus München. Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinClaudia Taraba drückt den Fahrbremshebel mit einer sanft-routinierten Bewegung nach vorn. Die S-Bahn rollt aus dem Hauptbahnhof. „Eisenbahnfahrzeugführerin“ heißt ihr Beruf offiziell, darauf legt sie Wert. Wäre es ein normaler Arbeitstag für die 25-Jährige, hieße die nächste Station Bad Cannstatt. Und würde der Zug seine gewöhnliche Strecke zurücklegen, käme jetzt der Stachus.

Doch zurzeit ist nichts normal: Claudia Taraba gehört zu einer Art humanitärem Lokführer-Hilfskommando aus dem Süden, im Einsatz gegen das Berliner S-Bahn-Chaos: Die Stuttgarterin steuert eine in München ausgeliehene S-Bahn durch den Berliner Nord-Süd-Tunnel in Richtung Südkreuz. Seit Donnerstag ist sie hier – mit 17 Kollegen aus dem Rhein-Main-Gebiet, Mannheim und Stuttgart. Sie wechseln sich an den Hebeln von vier roten Leih-S-Bahnen ab.

Aber wieso können das nicht die Berliner S-Bahner tun, deren Züge gerade in der Werkstatt sind? Die müssten mehrere Wochen geschult werden, um Züge dieser Baureihe lenken zu dürfen, sagt Tarabas Chef, Thomas Stahlberg: „Ein Pilot, der sonst eine Tupolew fliegt, kann auch nicht plötzlich eine Boeing steuern.“ Nach sechs Probefahrten durch den Tunnel ging’s am Montagmorgen für Claudia Taraba los – ihre Schicht beginnt um 5.06 Uhr. Um 3 Uhr steht sie auf, damit sie rechtzeitig mit dem Bus zu ihrem Zug kommt. Frühstück gibt es so früh in ihrem Billighotel noch nicht. Stressig? Nein, sagt sie lachend. Vier Wochen dauert ihr Berlin-Einsatz – das sei doch eher wie Urlaub: „Ich habe mir so viel vorgenommen“. Die Körperwelten-Ausstellung will sie sehen und den Zoo. Und „ihren“ Tunnel: „Man kann einen Tunnel immer wieder neu entdecken“, sagt sie begeistert. dma

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