Südwestkirchhof Stahnsdorf : Jubiläum: Denk mal in aller Stille

120.000 Grabstätten, 100 Jahre Geschichte. Hollywood war da und auch so manches Wildschwein. An diesem Sonnabend wird das Jubiläum auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf feierlich begangen.

Andreas Conrad

Wildschweine auf der Jubiläumsfeier, freches Grunzen während der Predigt? Nein, das ist nicht zu befürchten, wenn an diesem Samstagnachmittag auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf dessen 100-jähriges Bestehen gefeiert wird. Ein Bischof, ein Ministerpräsident, dazu weitere Amts- und Würdenträger, kulturhistorisch Interessierte, Schaulustige – da verzieht sich jeder Schwarzkittel lieber ins dunkle Gehölz, statt wie sonst üblich, ohnehin lieber des Nachts, durch Rasen und Rabatten zu pflügen, auch Grabstätten zu attackieren, wie es ihm die tierische Natur eben so eingibt.

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Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeldt weiß da ein Klagelied zu singen, hat schon auf manche Treibjagd über das 206 Hektar große Areal seine Hoffnung gesetzt – vergebens, der Wühlarbeit von Keilern, Bachen, Frischlingen ist nicht beizukommen. Besonders in den vergangenen beiden Jahren hätten die Schäden zugenommen, der normale Zaun halte die Tiere nicht ab, auch ein zusätzlicher Wildzaun habe nur vorübergehend geholfen, zumal aus falsch verstandener Tierliebe immer wieder Löcher hineingeschnitten würden.

Aber der Südwestkirchhof hat in seiner Geschichte schon ganz andere Herausforderungen überstanden und ist doch einer der bedeutendsten Begräbnisorte Deutschlands, eine Ruhestätte für 120 000 Tote, darunter zahlreiche mit berühmtem Namen, sodass die üppig bewaldete, daher als Gottesacker untreffend beschriebene Anlage gar als Prominentenfriedhof gilt. Er zeugt zunächst einmal vom Boom der Gründerjahre, als die Einwohnerzahl Berlins und damit auch die der Verstorbenen jäh anschwoll, während die innerstädtischen Begräbnismöglichkeiten begrenzt blieben. Lange vor der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 hatten sich daher die Pfarreien des Stadtsynodalverbandes zusammengefunden und die Anlage von drei Großfriedhöfen im nahen Umland in Angriff genommen, jeweils mit separaten Begräbnisflächen für die jeweiligen Gemeinden.

Verwirklicht wurde allerdings nur der Südwestkirchhof, nach einem Konzept des Gartenoberingenieurs Louis Meyer, der einen Waldfriedhof mit nur behutsam gesetzten Sichtachsen, Alleen oder Rondellen vorsah und den vorhandenen Baumbestand nur stellenweise ergänzte. Auch eine Kapelle im Stil norwegischer Stabholzkirchen entstand, hier spielte wohl die Vorliebe Kaiser Wilhelms II. für das skandinavische Land mit eine Rolle.

 Am 28. März 1909 wurde der Kirchhof offiziell eröffnet, die erste Beerdigung erfolgte kurz danach am 8. April: die pensionierte Lehrerin Elisabeth Wenzlewski, die ein einfaches Reihengrab erhielt, wahrscheinlich ohne Grabstein, wie Ihlefeldts Nachforschungen ergaben. Erst jetzt zum Friedhofsjubiläum wird dort eine Erinnerungstafel angebracht.

Beim schlichten Stil des Anfangs sollte es nicht lange bleiben, auch die Namen der zu Grabe Getragenen wurden bald größer. In den kommenden Jahrzehnten war der Südwestkirchhof geradezu ein Spiegel der wechselnden Kunst- und Architekturstile und die Liste der Toten ein Who is Who der Berliner Prominenz aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft. Neoklassizismus, Neorenaissance, Neoromanik, Jugendstil, Expressionismus – alles ist vertreten, zur Erinnerung an berühmte Köpfe wie die Maler Lovis Corinth und Heinrich Zille, den Architekten Walter Gropius, den Wahrsager Hanussen, den Komponisten Engelbert Humperdinck, den Politiker Rudolf Breitscheid, den Verleger Gustav Langenscheidt, den Regisseur Friedrich-Wilhelm Murnau, den Flugpionier Edmund Rumpler, den Industriellen Werner von Siemens oder die Baronin Elisabeth von Ardenne, die das Vorbild für Theodor Fontanes „Effi Briest“ wurde. Auch dessen zweiter Sohn Theodor liegt in Stahnsdorf begraben.

Der parkähnliche Charakter des Friedhofs, die vielen dort bestatteten Prominenten und nicht zuletzt die 1913 eröffnete „Friedhofsbahn“ aus Wannsee ließen den Südwestkirchhof zeitweilig geradezu zum Ausflugsziel aufsteigen. Den politischen Umbrüchen war er trotz der idyllischen Lage nicht entzogen, ab 1938 wurde das deutlich. Der geplante Umbau Berlins zur Reichshauptstadt Germania durch Hitlers Baumeister Albert Speer erforderte auch die Umbettung von rund 15 000 Toten der Schöneberger Friedhöfe 12 Apostel und St. Matthäus, die der Nord-Süd-Achse im Wege waren. Sie fanden in Stahnsdorf eine neue Ruhestätte.

Mit der deutsch-deutschen Teilung und besonders dem Mauerbau war der Kirchhof von West-Berlin weitgehend abgeschnitten. Die S-Bahnstrecke wurde 1961 stillgelegt, der Bahnhof, an den heute noch ein Straßenname erinnert, 1976 abgerissen. Der Friedhof verfiel, wurde aber noch vor allem von Stahnsdorf genutzt. Erst mit dem Mauerfall änderte sich das wieder. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz als Eigentümerin steckte Millionen in die Sanierung, andere Geldquellen wie Spenden und Lottomittel begannen zu sprudeln. Es gibt einen regen Förderverein, der mit vielfältigen Aktivitäten erfolgreich Besucher auf das Kulturdenkmal mit seiner reichhaltigen Flora und Fauna zu locken versucht. Und vor allem gibt es wieder Beerdigungen, rund 840 pro Jahr.

Sogar Hollywood war schon da: Unlängst ließ Roman Polanski in einem Waldbereich ohne Gräber die Kulisse eines englischen Landhauses aufbauen. Zumindest der Filmtitel war einem Friedhof angemessen: „The Ghost“. Andreas Conrad

Die öffentliche Jubiläumsfeier mit Bischof Wolfgang Huber und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck findet am heutigen Sonnabend, 15 Uhr, statt – in der Kapelle des Südwestkirchhofs, Bahnhofstraße in Stahnsdorf (Zufahrt über Potsdamer Allee). Mehr Informationen unter www.suedwestkirchhof.de.

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