Berlin : Süß die Glocken nie klingen

Steffi Bey,Reinhart Bünger

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, das flache Gebäude am Sterndamm 90 ist wirklich eine Kirche. Seit nunmehr 80 Jahren gehört das Gotteshaus der Evangelischen Kirchengemeinde Johannisthal. Doch ein Kirchenschiff sucht man hier vergeblich. Es gibt auch keinen Turm: Die drei Glocken der Kirche stehen im Garten - sie hängen in einer frei stehenden Stahlbeton-Konstruktion.

Auf die größte Glocke ist Pfarrer Jürgen Huhn besonders stolz. "Sie wurde 1873 für die Weltausstellung in Wien angefertigt und ist vermutlich die älteste läutende Stahlglocke Deutschlands", glaubt er. Doch diesen Titel beansprucht auch die Stiftskirche in Neustadt an der Weinstraße: Hier hängt im Nordturm eine 17,5 Tonnen schwere Stahlglocke. Die älteste erhaltene Glocke der Welt stammt aus China. Sie ist 2500 Jahre alt, hat eine Höhe von 59 Zentimetern und einen Durchmesser von 40 Zentimetern; sie steht im Rijksmuseum Amsterdam. Die meisten Glocken der Neuzeit wurden aus Bronze gegossen, weil dieses Material einen schöneren Klang hat. "Aber Bronze war sehr teuer", erzählt der Pfarrer. Einem Uhrmacher aus Schwaben sei allerdings eine preiswertere Alternative gelungen. 1853 begann er in Bochum, Kirchenglocken aus Stahl zu gießen. "Im Werkzeugmuseum in Remscheid ist inzwischen die vermutlich älteste dieser Art zu bewundern", sagt der Johannisthaler. Doch geläutet werde dieses Exemplar nicht mehr.

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Huhn hat in der Kirchenchronik viele Details über die Geschichte der größten der drei Gemeindeglocken gefunden. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass die zwei Meter hohe und fast zehn Tonnen schwere Glocke nach der Weltausstellung direkt in das Berliner Naturkundemuseum kam. 1921 stellte sie der Geheimrat Professor Beyschlag den Johannisthalern zur Verfügung. Acht Jahre später kamen dann zwei kleinere Bronzeglocken dazu. Seitdem hängt das Trio im Garten der evangelischen Kirchengemeinde.

An den Wochenenden und zu besonderen Anlässen wie Weihnachten werden die Glocken per Knopfdruck in Bewegung gesetzt. Für Günter Lehmann, den Hausmeister des Pfarramts, seit 25 Jahren "ein ganz normaler Vorgang". Er mag vor allem "den hellen, schrillen Klang der großen". Lehmann ist sich sicher, dass er sie immer von anderen Kirchenglocken unterscheiden könnte. "Die Bronzenen hören sich dumpfer, irgendwie weicher an", sagt der 62-Jährige. Vor einigen Jahren hätte Günter Lehmann fast eine Stunde zu früh geläutet: Als er vergaß, seine Uhr im Herbst zurückzustellen. "Glücklicherweise traf ich den Nachbarn, der mir die richtige Zeit mitteilte", erinnert sich Lehmann. Wenn manchmal Neugierige in den Garten der Gemeinde kommen, stelle er das Glocken-Trio gerne vor. Auch über die Kirche, die wenig mit einem herkömmlichen Gotteshaus gemein hat, weiß er jede Menge zu berichten. Das Gebäude diente einst als Kurhaus, dann als Ausflugslokal ("Kaiser-Wilhelm-Garten") und wurde später als Lichtspieltheater genutzt. 1921 wurde aus dem Kino eine Kirche. Noch heute sitzen die Besucher in leicht abgeschrägten Reihen.

"Ausgefallen sind die Glocken eigentlich nie", sagt Pfarrer Huhn. "Sie sind auch noch nie eingefroren", ergänzt Christa Baukhage, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Gemeinde. Doch wenn etwas repariert werden muss, kann das schwer werden. Einmal, erzählt der Pfarrer, musste der Klöppel aus der größten Glocke entfernt werden. "Sechs Männer haben mit zugepackt, denn das Teil wiegt immerhin vier Zentner", sagt Jürgen Huhn. Reparaturanfällig ist nur die Elektrik. Doch die Glocken werden die starke Beanspruchung zur Weihnachtszeit durchhalten, ist sich Baukhage sicher. "Hauptsache, die Ohren der Zuhörer halten das auch durch, denn laut sind sie ja."

Am Heiligabend werden in der Evangelischen Kirchengemeinde Johannisthal drei Christvespern abgehalten: Um 15 Uhr (mit Weihnachtsspiel), um 16 Uhr 30 (mit Laienspielgruppe und Posaunenchor) und um 18 Uhr (mit Chor). Die Glocken werden 14 Uhr 30, um 15 Uhr und jeweils zehn Minuten vor dem Beginn der Christvespern geläutet.

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