Die Aktivistin

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Suizid als Tabuthema : Nicht totschweigen!
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Diana Doko, 43, ist Mitgründerin des Vereins "Freunde fürs Leben" und klärt junge Menschen über das Thema Suizid auf.
Diana Doko, 43, ist Mitgründerin des Vereins "Freunde fürs Leben" und klärt junge Menschen über das Thema Suizid auf.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Keiner sprach sie darauf an, Bekannte wechselten die Straßenseite. Als Diana Dokos Bruder sich Ende der 1990er Jahre umbrachte, legte sich so etwas wie ein Fluch über die Berlinerin, niemand wollte ihr zu nahe kommen, schien es. Das Tabu des Suizids. „Ich war total erschrocken“, sagt die 43-Jährige heute. „Warum haben alle Angst, darüber zu reden? Warum wird das so unter den Teppich gekehrt?“

Ihr damaliger Kollege Gerald Schömbs machte 2001 nach dem Suizid seiner Lebensgefährtin die gleiche Erfahrung. Die beiden Kommunikationsberater wollten nicht stumm bleiben. Über Suizid, auch den junger Menschen, sollte endlich mehr gesprochen werden. „Präventionsangebote und Infos über Warnsignale und Hilfsangebote gab es für junge Leute in Berlin damals überhaupt nicht“, sagt Diana Doko.

"Suizid ist kein sexy Thema"

Zusammen mit Schömbs gründete sie den Verein „Freunde fürs Leben“. Seit 14 Jahren geben sie dem Thema eine Bühne, wollen Mythen aus der Welt schaffen, aufklären. Bei Jugendlichen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen. Und für Lesben oder Schwule zwischen 12 und 25 Jahren ist das Suizidrisiko laut einer Senatsstudie sogar bis zu sieben Mal höher als bei heterosexuellen Gleichaltrigen. Der Verein nutzt neben Plakaten, Broschüren und einer DVD vor allem Facebook und den Web-Kanal frnd.tv, um die Zielgruppe zu erreichen.

In den Onlinevideos spricht Poetry-Slammerin Julia Engelmann über Einsamkeit, der Moderator Markus Kavka unterhält sich an der Bartheke mit dem DJ Oliver Koletzki und dem Sänger Bosse über Erfolg und Suizid, Klaas Heufer-Umlauf erzählt von Depression im Freundeskreis. Der Tenor ist ernst, trotzdem wird auch rumgealbert. „Suizid ist kein sexy Thema, aber wir versuchen, jugendaffin damit umzugehen“, sagt Diana Doko.

"Wir müssen über Suizid sprechen wie über Krebs oder Aids"

Das passt nicht jedem. Kritik oder Skepsis gegenüber der Vereinsarbeit kommt vor. „Manche finden unsere Materialien und unseren Web-Auftritt zu hip und haben Angst, dass Jugendliche dadurch erst auf die Idee kommen, sich umzubringen.“ Ein großer Irrtum, glaubt die Kommunikationsberaterin. Nichts sei schlimmer als das Totschweigen. Die gefährdeten Jugendlichen wüssten sich oft nicht zu helfen, ihre Mitschüler, Freunde und Lehrer würden die Signale nicht erkennen. „In unserer Gesellschaft geht es nur ums Funktionieren, wir machen uns zu wenig Sorgen umeinander,“ sagt Doko. Grundsätzlich werde über Depression und Suizid längst nicht so offen gesprochen wie über Krebs oder Aids.

Immer wieder war der Verein in den vergangenen Jahren in Schulen, um über psychische Gesundheit aufzuklären. „Gerade in sozial schwächeren Kiezen greifen Schulen das Thema auf und laden uns ein. Suizide bei Jugendlichen passieren aber eher in wohlhabenderen Bezirken, Zehlendorf etwa.“ Dort gebe es öfter die Haltung, dass eine Depression Familienangelegenheit sei. Die Eltern hätten schnell das Gefühl, versagt zu haben, wenn der Nachwuchs ein Problem habe. Die Folge: Schweigen. Bei Familien mit migrantischen Wurzeln hat es Doko meist anders erlebt. Das Kind soll gesund werden, Hilfe von außen wird gern angenommen.

Eine Kampagne wie "Keine Macht den Drogen" fehlt noch

Im September veranstaltete der Verein mit anderen Organisationen die Aktion „600 Leben“. In Deutschland nehmen sich jährlich 600 Menschen unter 25 Jahren das Leben, Flashmobteilnehmer ließen sich deshalb am Brandenburger Tor zeitgleich zu Boden fallen. Auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) war da. Mehr als ein Symbol? „Ich hatte gehofft, dass die Aktion nachhaltige Auswirkungen auf die Politik hat, aber bisher ist noch nichts passiert und das frustriert mich manchmal“, sagt Diana Doko.

Regelmäßig bittet sie Politiker und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung um eine nationale Präventionskampagne. Für eine Reihe von Erkrankungen und Risiken gibt es das längst. Die Slogans „Gib Aids keine Chance“, „Mach’s mit“ oder „Keine Macht den Drogen“ sind regelrechte Klassiker. In jüngerer Zeit wurde mit „Kenn’ dein Limit“ für bewussten Alkoholkonsum geworben. Warum gibt es solche großen Kampagnen nicht für den Kampf gegen Suizid, fragt sich Doko. Gern würde sie auch ein umfangreiches Online-Verzeichnis für Hilfsangebote aufbauen. Doch das Geld fehlt. Die Arbeit des Vereins wird durch Spenden finanziert und das, was Doko und Schömbs hineinstecken. Immer wieder haben sie in den letzten Jahren überlegt, aufzugeben. Aber gegen Suizid hilft, da ist sich Diana Doko sicher, nun einmal nur eines: dranbleiben und reden.

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