Suizid : Jugendliche sprangen in Tod

Ein 17-Jähriger und eine 18-Jährige haben sich vor eine U-Bahn geworfen. Bei dem Mädchen wurde ein Abschiedsbrief gefunden.

Gemeinsam sind sie in den Tod gesprungen. Doch was die beiden Jugendlichen dazu bewegte, bleibt rätselhaft. Vergangenen Sonntag gegen 18 Uhr betraten der 17-jährige Markus B. aus Reinickendorf und seine ein Jahr ältere Freundin Tebea V. aus Hamburg den Bahnsteig des U-Bahnhofs Wittenau. Dann warfen sie sich vor den einfahrenden Zug der Linie U8. Als der Zugführer bemerkte, dass er – wie er glaubte – „einen Gegenstand überrollt hat“, war es zu spät. Die beiden Jugendlichen waren sofort tot.

Polizei und Feuerwehr rückten an, für rund zwei Stunden blieb der Verkehr auf der Linie 8 zum Bahnhof Wittenau gesperrt. Die Ermittler fanden bei der 18-jährigen Hamburgerin einen Abschiedsbrief mit offenbar eindeutigem Inhalt. Denn wenig später kam die Kripo zu dem Schluss, dass es sich um einen gemeinschaftlich begangenen Suizid handelte.

Hat diese Tat eine ähnliche Vorgeschichte wie die, die im November 2002 Berlin erschütterte? Damals hatten die 21-jährige Jana H. aus Charlottenburg und der 16-jährige Mario H. aus Tauberbischofsheim auf einem Parkplatz am Teufelsberg Suizid begangen. Er erschoss im Auto erst sie und danach sich selbst. Sie hatten sich in einem sogenannten Selbstmord-Chatroom im Internet kennengelernt. In diesen Foren zu unterschiedlichsten Themen treffen sich Gleichgesinnte und tauschen sich aus. Mario H. soll damals seine Freitod-Gedanken ins Internet gestellt haben.

Der 17-jährige Markus, der am Sonntagt mit Tebea in den Tod sprang, lebte in einer Einfamilienhaussiedlung im Reinickendorfer Ortsteil Hermsdorf. Seine Familie trauert, die Nachbarn sind geschockt. Sie wissen nur, dass der Jugendliche als eines von drei Pflegekindern in der Familie aufgewachsen ist. Die Mutter soll vor einiger Zeit gestorben sein. Offenbar kümmerten sich ihre drei leiblichen Kinder, die schon viel älter sind, danach um die drei Pflegekinder.

In Berlin haben sich 2005 insgesamt 417 Menschen selbst getötet, 21 waren unter 25 Jahre alt. Neuere Angaben liegen nicht vor. Seit den Neunziger Jahren sind die Zahlen auch bei Jugendlichen ähnlich geblieben. Nach den Erfahrungen der Beratungsstelle für Suizidgefährdete „Neuhland“ beschäftigen sich viele Heranwachsende „in der Pubertät“ mit Suizidgedanken. In diesem Übergangsstadium fehlten oft gute Beziehungen sowie das Wissen, „dass es nach Niederlagen weitergeht.“

Treffen suizidgefährdete Jugendliche aufeinander, können sie sich in ihre Pläne „reinsteigern“, sagen Berater. Zusammen in den Tod zu gehen, werde als Ausdruck einer dramatischen Freundschaft empfunden. So kam es vermutlich im April dieses Jahres zum Suizid zweier Schülerinnen bei Zossen. Sie hatten sich gemeinsam von einem Zug überrollen lassen.

Die Befürchtung, Internetforen könnten Suizidgedanken schaffen, teilt man bei Neuhland nicht. Für junge Menschen könne es auch entlastend sein, über ihre Gedanken zu reden. tabu/cs

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