Berlin : Super Fanmeile Ku’damm!

Gestern feierten die Deutschen, am Sonntag die Türken – alle strömen in die City-West

Der Senat hat dieser Stadt bislang noch keine große Feiermeile zur Fußball-EM spendiert – doch die Berliner zaubern sich selber eine. Wo ließe es sich großflächiger feiern, wo repräsentativer jubeln, wo eindrucksvoller mit Landsleuten vereinigen als auf dem guten alten Kurfürstendamm? Sonntagnacht machten Berlins Türken vor, wie man dort siegestrunken und friedlich einen Sieg feiern kann. Gestern, Punkt 22.40 Uhr, zogen die schwarzrotgoldenen Deutschen aus allen Bezirken nach dem gewonnen Match gegen Österreich zum Ku’damm und zeigten, dass sie auch feiern können: Hupend, singend, grölend, tanzend, Fahnen schwenkend und sich in den Armen liegend.

Schon kurz nach dem 1:0-Sieg kam kein Auto mehr über die Kreuzung Ku’damm/Joachimstaler Straße. Hunderte Menschen lagen sich dort in den Armen, ließen Wunderkerzen sprühen, entzündeten große bengalische Fackeln und warfen Kracher in die Luft . Ebenso am Breitscheidplatz. Auch viele Türken und andere ausländische Jugendliche waren dabei. Ein Autokorso kam nur ganz langsam zustande, weil die Jubelnden die Straßen blockierten. Schließlich schoben sich die geflaggten und hupenden Wagen im Korso über die parallel verlaufende Lietzenburger Straße, während in den Zufahrtsstraßen drumherum hunderte Fanautos im Stau standen, über den aber diesmal niemand schimpfte. Für Busse war schon längst kein Fortkommen mehr. Auf den BVG-Anzeigetafeln stand zu lesen: „Im Augenblick kein Busverkehr wegen feiernder Fußballfans.“

Und ebenso wie am Vortag bei den Türken bekam der Kurfürstendamm viel Lob. Olaf aus Charlottenburg (20), mit einer ganzen national eingefärbten Clique unterwegs, gefällt die Citymeile „viel besser“ als die Straße des 17. Juni: „Hier bist Du voll in der City, hier wirst Du gesehen – der Ku’damm ist unsere Fanmeile!“

Zuvor, während des Spiels, waren die Citystraßen dagegen wie leergefegt. Na klar, wer wollte dieses Spiel schon verpassen? Wo immer ein TV-Gerät oder eine Bildleinwand stand, drängelten sich die Menschen in Kneipen und Biergärten. Stadionstimmung herrschte in den historischen Innenhöfen der Zitadelle Spandau und der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Vor den Großbildflächen standen die Fans mit schwarz-rot-gold gefärbten Haaren und geschminkten Gesichtern dicht an dicht, etliche Türken waren darunter, die gestern für die Deutschen Daumen drückten. Auch in der Fußball-Kneipe „Wilde 13“ am Boxhagener Platz in Friedrichshain oder in der „FC Magnet Bar“ an der Veteranenstraße in Mitte - einem Klassiker unter den Treffs der Fußball-Junkies – gab es kein Durchkommen mehr. Gut 200 Fans verfolgten das Spiel in „Joe’s Wirtshaus Zum Löwen“ am Zoopalast in der West-City, und entlang der Pariser Straße in Ku’dammnähe saßen und standen die Zuschauer in den Schankveranden bis hinaus auf die Bürgersteige.

Bis zur Halbzeit allerdings wollte nicht so recht Stimmung aufkommen. Miesepetrige Gesichter, Frustkommentare über die „lahme“ deutsche Mannschaft – aber als in der 49. Minute das erste Tor fiel, sprangen die Scharen auf. Jetzt war alles plötzlich ganz anders: Superlaune, Jubelschreie, erste Freudenraketen, Gehupe.

In die Freude mischten sich aber auch skeptische Töne. Denn das Spiel der Nationalelf hatten viele eher als Pflichterfüllung denn als Glanzleistung empfunden. „Die spielten zu wenig nach vorne, ließen sich den Ball abnehmen“, ärgerten sich Zuschauer in der Kneipe „Lange Nacht“ an der Neuköllner Weisestraße nach dem Abpfiff.

Ganz so wild wie bei den Türken war der deutsche Siegestaumel aber dann doch nicht. Bislang sind sie die Europameister im Feiern. Die Bilder von den leidenschaftlich tanzenden und singenden türkischen Fans in der West-City gingen nach dem Spiel Türkei-Tschechien um die Welt. In der ZDF-Fernsehübertragung wurden Berlins Türken am Ku’damm im Jubelrausch eingespielt. und die rund 25 000 Anhänger des Türkenteams empfanden es genau so wie die deutschen: „Das ist einfach unser traditioneller Sammelplatz. “ CD,kög,tabu,cs

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