Berlin : Superlativ in den Bergen

Die Berliner Alpenhütte wurde vor 125 Jahren gebaut. Sie ist die größte und sie steht als einzige unter Denkmalschutz

Markus Huber[Wien]

Dass die Berliner ein reiselustiges Völkchen sind, war schon im 19. Jahrhundert so, und besonders gern fuhr man damals ins Gebirge. Bergsteiger und Zeichner hatten die Lust der Städter auf karge Gipfel und steile Wege geweckt, doch auf den Wanderungen brauchte man Raststätten, so dass heute vor genau 125 Jahren mitten in den Zillertaler Alpen die Berliner Hütte gebaut wurde. Gefeiert wurde das am gestrigen Sonnabend mit einem großen Festakt und einem Berggottesdienst bei strahlendem Wetter von der Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins, der größten Sektion Deutschlands – Grußworte des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit und der österreichischen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer inklusive.

Nach Eröffnung der Hütte strömten die Berliner in so großer Zahl dorthin – in der feinen Gesellschaft galt der Bergurlaub bald als Pflicht, und manche Dame ließ sich in der Sänfte auf die luftige Höhe von 2042 Meter tragen –, dass der 3254 Meter hohe Hausberg, die Dritte Hornspitze, den Beinamen „Berliner Spitze“ bekam. Die umliegenden Tiroler Örtchen kamen in Sachen Besucherbeherbergung der Hütte nicht nach: Deren Gästezahl stieg zwischen 1890 und 1912 von 2148 auf 5505. Die Bettenzahl im nahen Mayrhofen stieg im selben Zeitraum von 126 auf 420.

In kürzester Zeit wurde das anfangs gerade einmal 60 Quadratmeter große Schutzhaus zu einem der imposantesten Gebäude der Alpen ausgebaut, was man auch daran sieht, dass die Hütte 1997 als bislang einziges hochalpines Gemäuer unter Denkmalschutz gestellt wurde. Tatsächlich ist das Haus ein imposanter Bau. Gut 150 Menschen finden auf einmal in der Hütte Platz zum Schlafen, vor allem die beiden Speisesäle, von denen einer sogar eine Raumhöhe von rund fünf Meter aufweist, zeugen vom feudalen Glanz des frühen 20. Jahrhunderts.

Heute ist die Hütte Ausgangspunkt für mehrstündige Rundwanderungen durch die Zillertaler Alpen, und nach wie vor steht sie nicht nur dem Namen nach unter dem Einfluss des Berliner Alpenvereins. Wie überall in Tirol ist es vor allem der deutsche Alpenverein, der die Tiroler in ihrer touristischen Erschließungswut des Hochgebirges manchmal bremst. So kämpft der deutsche Alpenverein im benachbarten Ötztal gegen die Errichtung neuer Liftanlagen in der Gletscherregion. Wie wichtig dieser Kampf ist, sieht man auch rund um die Berliner Hütte: Die beiden Gletscherausläufer, die vor 125 Jahren noch bis auf wenige Meter an das Schutzhaus heranreichten, haben sich in den vergangenen Jahren weit zurückgezogen und sind nun nur mit fast einer Stunde Fußmarsch zu erreichen. Das ist allerdings eine Distanz, die Bergsteiger nicht schrecken kann.

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