Berlin : Supermarkt: Wo "Bolle" draufsteht, ist "Extra" drin

Tobias Arbinger

Der Rüdesheimer Platz in Wilmersdorf gestern Vormittag: Menschen drängen sich um Bier- und Würstchenstände, Musik dröhnt aus Lautsprechern. Ein Supermarkt feiert Neueröffnung, preist Sonderangebote an. Eigentlich nichts Besonderes, wären da nicht die dicken roten Lettern am Laden: "Bolle". Vor wenigen Jahren verschwand der Traditionsname weitgehend aus dem Straßenbild. Am Rüdesheimer Platz befand sich bis vor kurzem ein "Extra"-Markt. Nun führt die Extra-Mutter Metro AG die Marke wieder ein. "Bolle ist eine Institution. Es liegt nahe, sie wiederzubeleben", sagt Metro-Sprecher Albrecht von Truchseß.

"Bolle gehört zu Berlin wie die U-Bahn oder die Straße Unter den Linden", sagt auch der Chef des Wilmersdorfer Geschäfts, Detlef Gratz. "Es war ein Riesenfehler, dass Bolle gelöscht wurde." Im neuen Laden sei "die Hölle los". "Es rufen Leute aus Moabit an und fragen, ob auch sie bald wieder eine Bolle-Filiale bekommen", sagt Gratz. Er betreibt das Geschäft nach dem Franchise-System, bekommt die Ware von Metro geliefert, ist sonst aber sein eigener Chef. Eine Handvoll neuer Bolle-Filialen soll seinen Informationen zufolge innerhalb der kommenden zwölf Monate in der Stadt eröffnen.

Der Meierei-Betrieb von "Bimmel-Bolle" wurde zu einem Mythos. Der im brandenburgischen Milow geborene Carl Bolle hatte das Unternehmen 1881 gegründet. Mit drei Verkaufswagen ließ er Milch ausfahren. Das Geschäft lief gut. In Moabit baute Bolle seine Meierei-Zentrale. 1910 starb der Firmengründer, sein Grab ist heute noch auf dem Friedhof St. Matthäus in Schöneberg zu sehen. 1917 wurde das Unternehmen erstmals verkauft. Nach dem Zweiten Weltkrieg boomte es als Supermarktkette. Noch Anfang der 80er Jahre gehörte die Firma zu den großen der Branche. Dann ging es jedoch bergab. Bolle sei gegenüber den billigeren Discountläden nicht mehr konkurrenzfähig gewesen, hieß es.

Die Kette wechselte etliche Male den Besitzer. Zuletzt wurde ein Teil von Spar übernommen, der Rest blieb bei der Asko Deutsche Kaufhaus AG. Diese wiederum ging 1996 in der Metro AG auf. "Im Handel ist viel Bewegung", sagt Metro-Sprecher von Truchseß. Im Prinzip sei ein Trend zur Konzentration zu verzeichnen. Die Erfahrung habe jedoch gezeigt, dass die Kundschaft "viel Wert auf den regionalen Bezug" lege. "In Berlin haben die Leute sehr an Bolle gehangen". "Punktuell" würden "kleinere Nachbarschaftsläden" von Extra deshalb wieder umgewandelt.

"Bolle ist doch ein Urberliner Name", stellt ein Mann am Biertisch auf dem Rüdesheimer Platz fest. Angebot und Service der Bolle-Läden seien besser gewesen als anderswo, findet er. Eine Frau am Tisch erinnert sich, wie sie als Schülerin die Moabiter Meierei-Zentrale besichtigte. Die Filiale sei umgetauft worden, "weil hier sowieso jeder Bolle sagt", bemerkt eine ältere Dame. "Das ist doch bloß der Name, der sich ändert", sagt sie. "Der Inhalt bleibt der gleiche."

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