Berlin : Supernoten für die Phantasie

Susanne Vieth-Entus

Manchmal ist Schule mehr als die Tafel an der Wand, die Kreide in der Hand und 30 Schüler, die ihre Hefte vollschreiben. Dann ist sie der Ort, wo Schüler eine ehemalige Hausmeisterwohnung zum Schulcafé umfunktionieren, einen Klassenraum in ein Graffiti-Paradies verwandeln oder ein Unterhaltungsprogramm für Senioren ausdenken. Dann ist sie der Ort, wo Schüler auch mal Schüler unterrichten, einen Schreibwarenladen konzipieren, Skulpturen aus Stahl entwerfen, einen Schulhof in ein Paradies verwandeln oder einen Kurzfilm über die Bedienung einer Bohrmaschine drehen.

Und weil dies der Schule gut tut, gibt es für solche Projekte seit 15 Jahren eine Belohnung: den Förderpreis "Praktisches Lernen". In diesem Jahr wurden 35 Ideen aus zahlreichen Oberschulen belohnt.

Die Aufgabe der Auswahljury wird allerdings von Jahr zu Jahr schwieriger, denn immer mehr Schulen bewerben sich um die Auszeichnungen. Der Ansporn liegt nicht nur in den Preisgeldern zwischen 3000 und 200 Mark, sondern auch darin, dass die Schüler ihre Leistungen im prächtigen Festsaal des Roten Rathauses und im Beisein des Schulsenators präsentieren können. Über 50 Projekte bewarben sich in diesem Jahr beim Verein Praktisches Lernen in der Schule (Plus e.V.), der unterstützt von der Senatsschulverwaltung, der Robert-Bosch-Stiftung und dem Domino-Verlag die Preisvergabe managt.

Die Preisträger sind so unterschiedlich wie die Projekte (siehe unten). Die drei ersten Preise (es gibt jeweils 1500 Mark) gingen an die Köpenicker Albatros-Schule, die mit ihren behinderten Schülern das Märchen vom Nussknacker auf die Bühne brachte, an das Ernst-Abbe-Gymnasium (Neukölln) für ein Musicalprojekt und an die Merian-Oberschule (Köpenick) für eine großartige Fassadengestaltung à la Hundertwasser. Den Sonderpreis als "Schwerpunktschule" (3000 Mark) erhielt die Reinickendorfer Max-Beckmann-Oberschule, die gleich mehrere gute Projekte einbrachte, darunter die Entwicklung einer eigenen Kosmetikartikelserie.

Musical-Wunder

Ein ganzes Musical auf die Beine gestellt hat die Gustav-Heinemann-Gesamtschule aus Tempelhof. 33 Schüler und zwei Lehrerinnen schrieben das Drehbuch und die Songtexte, komponierten die Musik, führten Regie, entwickelten die Choreographie. Deshalb waren auch Fächer wie Musik, Deutsch und Sport an den Vorbereitungen beteiligt und nicht nur das Fach "Darstellendes Spiel". Eine Woche lang ging die ganze Gruppe auf "Musicalfahrt", um ausführlich proben zu können. Das Stück, das dabei herauskam, heißt "Glaubst Du noch an Wunder?", und wer es gesehen hat, wird die Titelfrage mit "Ja" beantworten. Denn die Schüler schaffen es in Minutenschnelle, den Zuschauer in die Geschichte um Drogenabhängigkeit, Musik, Liebe und Freundschaften hineinzuziehen. Der Lohn war einer von sechs zweiten Preisen, also 1000 Mark.

Do-it-yourself-Teich

Die Neuköllner Clay-Gesamtschule hatte ein Problem: Der Schulteich war verlandet. Über 40 Schüler machten sich mit ihren Lehrern daran, den alten Teich zu entsorgen und einen neuen anzulegen. Es begann ein wochenlanger Kampf gegen widerspenstige Schilfwurzeln, bevor die 200 Quadratmeter große Plane für den neuen Teich ausgelegt werden konnte. Molche wurden gerettet, spitze Steine entsorgt. Im Biologieunterricht galt es, den Zusammenhang zwischen Teichgröße und biologischem Gleichgewicht zu klären. Den Mikroorganismen zuliebe holten die Schüler eimerweise Wasser aus dem Rudower Fließ. Nach wochenlangen Aufräumarbeiten wurde zum Schulfest geladen. Die Gäste konnten Pflanzen kaufen und sie selbst am Teichrand einsetzen. Für diese Arbeit gab es einen mit 500 Mark dotierten dritten Platz.

Nussknacker-Tänze

Etwas Außergewöhnliches gelang in diesem Schuljahr der Köpenicker Albatros-Schule. Lehrerin Susanne Kaiser brachte mit 35 geistig behinderten Schülern "Das Märchen vom Nussknacker" auf die Bühne. In erster Linie ging es darum, dass die Kinder ein Gefühl für Musik und Rhythmus entwickeln sollten. Das kleine Orchester hatte die Aufgabe, Melodien von Peter Tschaikowsky mit Keyboard und Schlaginstrumenten wie Trommeln, Schellenkranz und Triangeln zu begleiten. Da die Schüler keine Noten lesen können, erarbeitete die Lehrerin melodische Verläufe mittels Farbpunkten.

Durch regelmäßiges Üben konnten einige Schüler ihre Tanzeinlagen ganz selbstständig über die Bühne bringen. Diese große Leistung der "Albatrosse" war der Jury einen von drei ersten Preisen wert und damit 1500 Mark.

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