Berlin : Susanne Twardawa (Geb. 1952)

„Alles musst du wichtig nehmen. Nur dich selbst nicht allzu sehr.“

Henriette Dushe

Steht ein Sarg auf der Reeperbahn, so beginnt der letzte Witz, den Susanne Twardawa ihrer Tochter erzählt. Jeder will natürlich wissen, wer da drin liegt, aber der Deckel lässt sich nicht öffnen. Warum nicht?

Den Krebs scheint Susanne besiegt zu haben, sie macht Pläne für das noch einmal beginnende Leben: Irgendwas muss es zu schaffen geben, zu dem man vorher noch nicht fähig war. Sie gründet mit ihrem Mann einen Verlag und veröffentlicht vier Bücher über die Straßen und Plätze ihres Schöneberger Kiezes. Ihre historische Forschung verknüpft Susanne mit literarisch-poetischen Fundstücken und Anekdoten der Anwohner. „Alles, was dir begegnet, musst du wichtig nehmen“, rät sie ihrer Tochter, „nur dich selbst nicht allzu sehr.“ Ihr Buch über den Viktoria-Luise-Platz verkauft sich gut, Susanne macht Notizen für weitere Bücher: Über die Geschichte ihrer Eltern will sie schreiben und über das Rätsel, warum sich manche Menschen keine Witze merken können.

So, wie sie mindestens einmal täglich in ein Café einkehrt, erzählt sie jeden Tag mindestens einen Witz. „Keiner weiß, wo sie die immer her hatte“, sagt ihr Mann, und: „Ich habe sie immer als Künstlerin gesehen, sie besaß diese eigentlich unvereinbare Mischung aus gesundem Pragmatismus und romantischem Überschwang.“

Tatsächlich wollte Susanne, 1952 in Nürnberg geboren und fasziniert von den Schaufenstern der Kaufhäuser, Dekorateurin werden, auch an der Kunstakademie bewarb sie sich. Ihr Vater, ein Ingenieur und Erfinder, hielt nichts von den Plänen. Halbherzig begann sie ein Lehramtsstudium, brach es bald ab und ging 1971 nach Berlin. Sie bezog ein Zimmer in einer Groß-WG am Nollendorfplatz, in der gleichermaßen alles politisiert und alles gefeiert wurde. Heimlich steckte ihr die Mutter Geld zu, Kontakt zum Vater gab es lange nicht. Susanne studierte Soziologie und promovierte 1982 an der Freien Universität. Das befriedete ihren Vater und bewegte ihn sogar dazu, Karl Marx zu lesen.

Im Jahr danach brachte Susanne ihre Tochter zur Welt und eröffnete mit ihrem Mann den kleinen Buchladen in der Motzstraße, „Motzbuch“. Vor allem sozialpolitische und philosophische Bücher stapelten sich in dem winzigen Geschäft. Es wurde zum Anlaufpunkt im Kiez, viele Leute kamen gar nicht, um etwas zu kaufen, sondern um die herzliche Susanne zu erleben.

Viel Geld brachte der Laden nicht ein, darum boten sie ihre Ware auch auf dem Kunstmarkt in Charlottenburg an. Ausgerechnet Milan Kunderas „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ brachte den rettenden Umsatz.

Susanne war eine Frau, die die Dinge im Griff hatte. „Sie wusste, wie man ein Kind aufzieht“, sagt ihr Mann, „wie man Freundschaften pflegt, wie man das Computersystem für den Laden einführt und wie man Weihnachten feiert.“ Zum Fest versteckte sie unter den Tellern glückbringende Münzen, wer während des Essens aufstand, würde bald viel Arbeit bekommen, ein gemeinsam geteilter Apfel garantierte, dass man auch im nächsten Jahr zusammenbleiben würde.

„Wirst du das Fenster öffnen, wenn ich gestorben bin?“, bittet Susanne die Tochter, „damit meine Seele hinausfliegen kann.“ Wenige Wochen vor dem 25. Jubiläum des Buchladens stirbt sie in einem Bett voller Blüten, die Füße gebettet im Schoß ihres Mannes. In der Stille des Morgens öffnet ihre Tochter die Fenster.

Viele Witze der Mutter hat sie vergessen, den letzten nicht: Warum lässt sich der Sarg nicht öffnen? Weil da ein Zuhälter drin liegt. Henriette Dushe

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