Suzanne Seeland : Es gibt keine "geschlechtsneutrale Wirklichkeit“

Eine Frau fragt ihren Mann: „Ich würde mir gern eine Arbeit suchen, halbtags vielleicht?“ – „Nein“, sagt der Mann. „Darf ich wenigstens ein eigenes Konto anlegen?“ – „Nein.“ Mit diesem Unrecht beschäftigte sich Suzanne Seeland, Jahrgang 1943.

Tatjana Wulfert

Ein Märchen aus uralten Zeiten? Ein Witz? Nein. Eine Unterhaltung zwischen Eheleuten in der Bundesrepublik noch in den sechziger Jahren. Der Mann ist Gott, sein Wille Gesetz. Frühmorgens verlässt er das Haus, verdient das Geld. Die Frau gebärt Kinder, kocht, kehrt, empfängt abends den Mann, sanft, willig, mit unendlicher Geduld. Bis ihr, vielleicht, irgendwann, der Geduldsfaden reißt.

Höchste Zeit, denkt auch Suzanne. Beginnt sich gründlich, gewissenhaft und empört mit dem Unrecht zu beschäftigen. Blickt zurück auf ihre eigene Familie, eine bürgerliche mit bürgerlichen Ansichten: ein Vater, der die Familie ernährt, eine Mutter, die, wie es heißt, hinzuverdient, ansonsten die Kinder versorgt. Aber ebenso fällt ihr die Tante ein, eine Frau, die nicht im Haus hocken blieb, den langen, ungewöhnlichen Weg als Missionsärztin nach Afrika und Pakistan ging. Suzanne selbst heiratet zeitig, bekommt eine Tochter. Beugt sie sich aus ihrem Fenster in der Lietzenburger Straße, sieht sie die vorüberziehenden Studenten Transparente in die Höhe halten, „Keine Macht den Vätern“, vertieft sich wieder in ihre Studien am Otto-Suhr-Institut. Politische Studien über die Geschichte der Frau, über weibliche Wesen in der griechischen Mythologie.

Die Tochter wird zwei, alt genug für den Kindergarten, staatliche Kindergartenplätze sind rar und gestrig. Also die Dinge in die Hand nehmen, neue Ideen umsetzen, einen Kinderladen gründen. Den Männern erläutern, dass Frauen gleiche Rechte haben. Ihnen auch zu verstehen geben, dass gleiche Rechte gleiche Pflichten bedeuten. Alle sollen alles tun. Denn für die meisten Männer stellt sich gar nicht erst die Frage, ob sie ihre Berufstätigkeit zugunsten der Familie einschränken sollen.

Der Kinderladen, ein Frauenemanzipationsladen. Parallel dazu die journalistische Arbeit, für den Rundfunk, Zeitungen, das Thema, ihr Thema immer wieder von Neuem von allen Seiten. Erste Artikel: „Eva und das runde Leder“, „Mädchen in Männerberufen“. Zunehmend die Einsicht, dass es keine, wie es behördlich heißt, „geschlechtsneutrale Wirklichkeit“ gibt. Dieses sperrige Wort, „Gender Mainstreaming“, wie soll man das vermitteln? Und wie übersetzen? „Geschlechtersensible Folgenabschätzung“, „Gleichstellungspolitik“. Aber sperrig oder nicht, es geht um Inhalte, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Viel dilettantischer, letztlich schädlicher Unsinn ist, so Suzanne zornig, darüber zu hören.

Ein Antrieb, den aktuellen Stand wissenschaftlicher Forschung nie zu verpassen. Kaum noch Raum in ihrem Büro für alle Bücher. Auch fremdsprachliche. Englisch und Französisch beherrscht Suzanne vollkommen. Voraussetzung für ihre Arbeit in EU-Ausschüssen und Kommissionen. Sie konzipiert und leitet Konferenzen, mal in Lissabon, mal in Kopenhagen, hält Vorträge, vor allem über Frauen auf dem Arbeitsmarkt, niemand in Europa weiß da besser Bescheid. Die politische Journalistin ist elektrisiert von dem Wandel im Osten. Unterstützt Frauen in Ost-Unternehmen nach der Wende. Fuhr schon vor 1989 regelmäßig zur Leipziger Buchmesse. Gründet das Berliner Frauencomputerzentrum mit.

Die kluge, agile Suzanne. Auch mit 65 schmal wie ein Mädchen. Wehrt sich 15 Jahre lang gegen dieses fremde gefräßige Gewächs in ihrem Körper. Steht jeden Morgen um sieben im Botanischen Garten. Zwei Stunden Qi-Gong. Langsame, konzentrierte Bewegungen, inmitten von weißen, rosa, roten Orchideen. Schönheit. Die schmerzlich vergeht. Schließlich verschlungen von diesem Gewächs in ihrem Körper. Tatjana Wulfert

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