Sven Hannawald : „Meine Welt bestand nur aus mir und meinem perfekten Sprung“

Skiflug-Weltmeister Sven Hannawald im Interview über die Ursachen seines Burn-outs und seine aktuelle Tätigkeit als Sportkommentator.

Leonard Hillmann
Sven Hannawald, Jahrgang 1974, gewann 2002 die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben sowie Medaillen bei den nordischen Ski-Weltmeisterschaften, den Olympischen Spielen und Skiflug-Weltmeisterschaften. Er gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Wintersportler überhaupt. Dennoch zehrte seine Skisprung- Karriere so sehr an ihm, dass er 2005 seine Karriere beendete und sich wegen eines Burn-out-Syndroms in einer Spezialklinik behandeln ließ.
Sven Hannawald, Jahrgang 1974, gewann 2002 die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben sowie Medaillen bei den...

Herr Hannawald, vor über zehn Jahren haben Sie bekannt gegeben, dass Sie an einem Burn-out litten. Wie geht es Ihnen heute?

Danke, gut. Seit den letzten sechs Jahren fühle ich mich wieder gesund und freue mich auf den Alltag. Klar hat man jetzt nicht mehr dieselben Pflichten wie früher als Leistungssportler. Aber Sport liegt bei mir nach wie vor einfach im Blut und ich finde in dem Bereich immer wieder eine Aufgabe, die mich bindet und interessiert. Dabei achte ich jetzt allerdings im Vornhinein darauf, dass nicht die Gefahr besteht, mit der neuen Aufgabe genauso zu enden wie damals beim Skispringen. Denn wenn man ein Burn-out einmal erlebt hat, weiß man, wann es wieder brenzlig wird, und geht keine Kompromisse mehr ein.

Als Skispringer sammelten Sie olympische Goldmedaillen, gewannen die Vierschanzentournee in allen vier Wettbewerben und wurden Skiflug-Weltmeister – das klingt nach einem erfüllten Sportlerleben. Aber waren durch ein hartes Training, die Belastungen der Wettkämpfe und die starke Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit psychische Belastungen nicht förmlich programmiert?

Nein, heute weiß ich, dass das nicht die ursächlichen Faktoren waren. Beim Training und bei Wettkämpfen war mein Ziel immer der perfekte Sprung – und ob ich den vor drei Leuten oder vor 50 000 Zuschauern hinkriege und nebenbei Interviews gebe, war mir im Prinzip egal. Ich hatte mich in einer Welt befunden, die nur aus mir und meinem perfekten Sprung bestand. Alles andere konnte ich ausblenden. Ich glaube, die meisten Menschen denken automatisch, dass das ganze Drumherum bei einem Burn-out ausschlaggebend ist. Allerdings habe ich über mich selbst gelernt, dass so etwas vor allem eine persönliche Sache ist.

Warum spielt die Persönlichkeit dabei so eine große Rolle?

Weil ein Burn-out dann passiert, wenn man einen vermeintlichen Weg zum Erfolg geht, der auf Dauer für einen selbst nicht gesund ist – dabei aber denkt, dass dieser Weg notwendig ist und man ihn selber so will. Klar, sich auf ein Ziel zu orientieren, ist wichtig. Das denke ich auch heute noch. Aber wenn man sich mit allem, was man hat, in eine Sache hineinsteigert, riskiert man psychische Probleme. Unterm Strich hängt ein Burn-out davon ab, welcher Typ man ist.

Und was für ein Typ waren Sie damals?

Einer, dem es schon immer darum ging, seine Aufgabe so perfekt wie möglich zu erledigen. Leider konnte ich dabei nie abschalten, ich kam mir wie ein Hamster in einem Rad vor, der es so schnell antreibt, dass er nicht mehr bremsen kann. Das fiel mir im Nachhinein vor allem daran auf, dass ich mich teilweise über Wettkämpfe, die ich gewonnen hatte, nicht mehr freuen konnte. Dann hatte ich sofort, als ich unten ankam, analysiert, welche kleinen Fehler vorlagen oder was ich hätte noch besser machen können. Andere gehen mit der ganzen Materie anders um, ein Martin Schmitt oder ein Gregor Schlierenzauer zum Beispiel, die können abschalten. Das ist eine Typfrage – die können auch nach einem schlechteren Wettkampf sagen, dass sie für heute Schluss machen und sich erst wieder beim nächsten Training damit beschäftigen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Belastungen ein gesundes Maß überschritten?

Einen konkreten Zeitpunkt gab es nicht, das Burn-out entwickelte sich rückblickend betrachtet über Jahre. Mir selbst und anderen fiel jedoch auf, wie ich mich über die Zeit verändert hatte: Ich war generell sehr unruhig und konnte mich gedanklich und körperlich nicht mehr gut von einer Saison erholen. Ich hatte Schlafstörungen und war extrem müde. Die Trainer wussten auch nicht mehr, wie sie mit mir umgehen sollten. Sie merkten nur, dass ich mich öfter zurückzog und nicht mehr so wie früher für Späße zu haben war. Irgendwann kam es dann sogar so weit, dass ich bei den kleinsten Dingen angefangen habe, zu weinen. Ich fühlte mich so sensibel und schwach, dass ich mich selbst kaum wiedererkennen konnte. Spätestens da wurde mir klar, wie viel sich geändert hatte.

Wie sind Sie mit diesen Veränderungen umgegangen, als sie Ihnen selbst aufgefallen sind?

Ich wusste zu Anfang gar nicht, was mit mir los war. Damals vor über zehn Jahren wurde ja noch nicht so viel wie heute über psychische Erkrankungen gesprochen. Ich weiß noch, wie überrascht ich war und mitfühlen konnte, als in den Nachrichten über den Rücktritt des Fußballers Sebastian Deisler berichtet wurde. Was mich betrifft: Ich wusste, dass wenn ich mich krank fühle, ich keine 100 Prozent Leistung erbringen und damit das Training vergessen kann. Deshalb habe ich mich immer darum gekümmert, so schnell wie möglich wieder fit zu werden.

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