Berlin : Sven Meisel (Geb. 1966)

Wie wichtig ist so ein Hit? Überlebenswichtig

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Das wird ein Hit, Top Ten Number One. Darauf hast du gewartet; jetzt nur noch die Aufnahme. Du stellst dem Künstler das beste Tonstudio Deutschlands zur Verfügung, du gibst ihm Geld, schenkst ihm Vertrauen, und er – benimmt sich wie ein Rüpel. Klare Sache: Wir schmeißen ihn raus. Da musste Sven gar nicht groß nachdenken, keine Kompromisse, wenn es ums Menschliche ging. Wenige Wochen später war es ein Hit. Sven war sich treu geblieben, verdient haben andere.

Wie wichtig ist so ein Hit? Überlebenswichtig. Wer Erfolg hat, hat recht und Charisma. Wenn Sven Meisel morgens in sein Büro ging, führte sein Weg an Dutzenden goldener Schallplatten vorbei, hunderte lagerten im Keller.

Die Meisel Musikverlage sind das älteste und erfolgreichste familiengeführte Tonträgerlabel Deutschlands. In zehn Jahren hätte Sven Meisel das hundertjährige Jubiläum feiern können, feiern müssen. Stammvater des Hauses war der Operetten- und Filmkomponist Willi Meisel, äußerst geschickt im Arrangieren, musikalisch wie politisch. Seine Söhne Peter und Thomas führten das Unternehmen in den siebziger Jahren dann zu Weltruhm, allein 20 goldene Schallplatten brachte die Gruppe Boney M. ein. Es war die goldene Zeit des Music Business, Wunder gab es immer wieder, ein Erfolg reihte sich an den nächsten. Modern Talking startete durch, Drafi Deutscher führte wochenlang die Hitparaden an, Produzenten wie Giorgio Moroder, Frank Farian und Jack White garantierten Hits in Serie. Im Hansa Tonstudio reichten sich die Stars die Klinke.

Der Musikkatalog des Meisel Verlags umfasst über 50 000 Titel, darunter All Time Favorites wie „Er gehört zu mir“ oder „Da Da Da“. Wann immer einer davon gespielt wird, verdient auch der Meisel Verlag. Aber das reicht nicht. Es braucht immer neue Hits.

Sven Meisel trat 1990 ins Geschäft ein, da war sein Adoptivvater Thomas Meisel immer noch aktiv, und erfolgsverwöhnt: „Früher waren wir so oft in den Charts, das bringt doch nichts, dieses Kleinklein.“

Aber die Zeiten hatten sich geändert. Klar, auch Sven wollte den Namen Meisel international am Leben halten. Sein Chorprojekt „Lesiem“ – rückwärts gelesen Meisel – war ein Erfolg, weltweit, aber es war kein Nummer-Eins-Hit.

In dritter Generation ein Familienunternehmen zu führen ist – das lehrt das Buddenbrook’sche Gesetz – ein Himmelfahrtsjob. Den Sven Meisel mit all seiner Energie auszufüllen versuchte, aber es war kräftezehrend. Stagnieren ist verpönt, Wachstum Pflicht. Die Majors geben den Takt vor, da können die kleinen unabhängigen Musikhäuser schwer mithalten. Ein Job für Durchbeißer. Sven konnte auf den Tisch hauen, tat es aber nur, wenn andere ungerecht behandelt wurden. Die Bilanz war wichtig, klar, aber dafür wurden keine Mitarbeiter rausgeschmissen. Die Firma, das war Familie.

Es gibt kein Rezept für Erfolg, oder vielleicht doch: gnadenlos vor dem Zeitgeist dienern. Aber das konnte er nicht, und das wollte er nicht.

Sven Meisel war immer sehr ruhig, fast verschlossen. Aufgeblüht ist er, wenn es handwerklich etwas zu tun gab, oder wenn er seiner Tochter einen Wunsch erfüllen konnte, oder beim Squash, wenn er seinen Gegner an die Wand spielte. Aber selbst dann gab er dem anderen nie das Gefühl, ein Verlierer zu sein.

„Tradition ist Erhaltung des Feuers und nicht Anbetung der Asche!“, die Losung von Gustav Mahler war auch Firmenmotto im Hause Meisel. Aber dieses Feuer verzehrte. Wo bleibt der große Erfolg? Die unausgesprochene Forderung machte müde. Sein Körper begann gegen sich selbst zu kämpfen. Aber Sven Meisel ist nie zum Arzt gegangen, er hat Ermattung nicht zugelassen, „denn Chef bin ich ja immer. Da gibt es keinen Büroschluss.“

Noch zehn Jahre zum Hundertjährigen. Jedes Jahr wäre schwerer geworden. Ein weiteres Jahr ohne Hit, das ist wie Spaghetti Carbonara ohne Sahne. Spaghetti à la Sven, das war sein Leibgericht, die aß er immer gern, wenn er aus dem Hansa Tonstudio kam, sich einen Stock tiefer in die Osteria Caruso setzte und das tat, was ein guter Chef immer tut, sich den Kopf über den Erfolg zerbrechen.

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