Berlin : Symbole des Schreckens – gestern in Mitte

Hakenkreuze und SS-Runen: Jo Baier dreht in der Dorotheenstraße den ARD-Fernsehfilm „Stauffenberg“

Andreas Conrad

Scheppernd hallt das Megaphon über die Dorotheenstraße: „Alles auf Anfang! Die Motoren anlassen!“ Statisten rücken sich den Stahlhelm zurecht, Karabiner werden geschultert. Abgerissene Gestalten, mit ihrer aus Ruinen geborgenen letzten Habe, warten darauf, an der Szene kameragerecht vorbeizuhuschen. „Ton läuft!“ Wieder dröhnen die Motoren, setzen sich Mannschaftstransporter, Kübelwagen, Krads schwerfällig in Bewegung. Und auch die vier Hakenkreuz-Fahnen vor der „Stadt-Kommandantur von Groß-Berlin“, bei den Proben noch diskret gefaltet und verhängt, blähen sich im Septemberwind.

Die Wehrmacht, verstärkt durch SS, ist wieder ins Berliner Regierungsviertel einmarschiert. Dass dies für die Dreharbeiten zu „Stauffenberg“ möglich ist, hält sogar Regisseur Jo Baier für bemerkenswert, wie er kürzlich bei der Vorstellung des ARD-Films sagte, der im nächsten Sommer, anlässlich des 60. Jahrestages des Attentats auf Hitler im Fernsehen zu sehen ist. Soeben hat er in Jüterbog, in einer ehemaligen Russenkaserne, die Bomben-Szene im Führerbunker gedreht. An diesem Donnerstag ist die Besetzung der Stadtkommandantur an der Reihe, und noch einmal bestimmen die verbotenen Symbole des NS-Terrors, Hakenkreuz und SS-Rune, das Bild in der Dorotheenstraße in Mitte, gegenüber der Bunsenstraße.

Niemand stört sich daran. Ob nun, wie unlängst für „In 80 Tagen um die Welt“, der Gendarmenmarkt London darstellen soll oder aber die Dorotheenstraße für eine Szene aus dem Dritten Reich herhalten muss – die Zaungäste nehmen es mit routinierter Gelassenheit, loben allenfalls die Genauigkeit der Rangabzeichen, die amerikanische Filme über den Zweiten Weltkrieg so oft vermissen ließen, und zücken ansonsten ihre Kameras. Das macht die Gehilfen des Aufnahmeleiters dann immer ein wenig nervös: „Bitte benutzen Sie während der Aufnahme auf keinen Fall Blitzlicht.“

Auch Jo Baier hat wie andere vor ihm geklagt, wie schwierig es in Berlin mittlerweile sei, Drehorte für Filme wie „Stauffenberg“ zu finden. Aber hier in der Dorotheenstraße genügten nur geringe Retuschen an der Wirklichkeit: ein steinernes Hakenkreuz über dem Hauseingang, vier Fahnen am Straßenrand, einige Schutthaufen, die Fahrbahn staubig wie auf einer Baustelle – das reicht für die Zeitreise. Den Rest erledigen Stahlhelme, Uniformen und Wehrmachtskarabiner, Spanische Reiter, Sandsäcke, Kübelwagen.

Milchgesichter in unbequemem Uniformen erhalten letzte Anweisungen. Es ist schwerer als man denkt, beim Stürmen eines Gebäudes eine gute Figur zu machen. Der richtige Abstand, darauf kommt es an, und bloß nicht „wie eine Ziehharmonika“ aufeinander prallen, wie ermahnt wird. Rund 60 Euro gibt es dafür pro Tag.

Die Titelfigur, gespielt von Sebastian Koch, ist nirgends zu sehen, auch die anderen Schauspieler, darunter Ulrich Tukur als Mitverschwörer Henning von Tresckow, Udo Schenk als Hitler und Olli Dietrich als Goebbels, haben frei. Der Drehtag vor dem Haus Dorotheenstraße 93, das sonst der Bundestag als eines seiner Dienstgebäude nutzt, gehört heute ganz den Komparsen, die jetzt wieder ihre Karabiner schultern, erneut auf die Lastwagen aufsitzen, die Stahlhelme zurechtrücken und das Koppelschloss ausrichten. Und aufs Neue scheppert das Megaphon: „Alles auf Anfang.“

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