Berlin : Synanon: Im alten Kreuzberger Domizil gesundgeschrumpft

Amory Burchard

"Wir sind in Kreuzberg endlich wieder zu Hause angekommen." Richtig erleichtert klingt Synanon-Pressesprecher Thomas Wöllmer, wenn er zwei Jahre nach der Rückkehr in das alte Domizil in der Bernburger Straße Bilanz zieht. Als die grüne Bundesdrogenbeauftragte Christa Nickels die Kreuzberger Synanon-Einrichtungen gestern Nachmittag besuchte, präsentierte sich das Projekt als gesundgeschrumpft.

Der 1971 als Selbsthilfegruppe gegründete Drogenhilfe-Verein hatte sich nach der Wende konzeptionell und finanziell überhoben. Im September 1998 gab Synanon den neuen, großzügig ausgebauten Standort auf einem Lichtenberger Fabrikgelände auf und zog wieder in der Bernburger Straße ein. Erst vor zwei Monaten trennte man sich vom defizitären Gut Schmerwitz, dass der Verein seit 1991 als Brandenburger Außenstelle betrieben hatte. Unter dem neuen Vorsitzenden der Stiftung Synanon, Peter Elsing, habe man sich wieder voll auf die eigentlichen Aufgaben konzentriert, erfuhr gestern Christa Nickels. "Die Suchthilfe steht an erster Stelle", sagte Elsing.

Nach der Öffnung der Mauer habe sich zunächst ein Ansturm von Süchtigen abgezeichnet: Statt der Drogenabhängigen aus dem Westteil der Stadt kamen nun auch Abhängige aus dem Osten - vor allem Alkoholkranke. Die Räume in der Bernburger Straße wurden zu klein. In der Lichtenberger Fabrik, die Mitte der 90er Jahre für 65 Millionen Mark zu Wohn- und Arbeitsräumen ausgebaut wurde, sollten 430 Süchtige Platz finden. Aber der große Run aus dem Osten blieb aus. Auch durch das groß angelegte bundesweiteMethadon-Projekt kamen weniger Süchtige bei Synanon an. Wer dort leben will, muss sich den drei Grundregeln der Stiftung verschreiben: Keine Drogen und kein Alkohol, keine Gewalt und Rauchverbot. Aufgenommen wird jeder Süchtige, der zum sofortigen Entzug bereit ist.

Von den Millionenlasten der Großprojekte befreit, will sich Synanon jetzt in der Bernburger Straße stabilisieren. Im vorigen Jahr wurden dort die Druckerei und die Wäscherei in sanierten Räumen wieder eröffnet. Daneben können die derzeit rund 150 Kreuzberger "Synanisten" unter anderem im Gebäude-Service Clean up, im Umzugs-Unternehmen, in der Tischlerei und in der Töpferei arbeiten. Die Synanon-Verwaltung bekam kürzlich die Anerkennung als Ausbildungsbetrieb für Bürokaufleute. Die Drogenhilfe auf dem kürzlich an einen privaten Investor verkauften Gut Schmerwitz läuft im neugegründeten Verein Synanon Schmerwitz e.V. weiter.

"Lebensschule" wolle Synanon heute sein, sagt Elsing. Wer drei Jahre lang drogenfrei bei Synanon gelebt und gearbeitet hat, habe eine neunzigprozentige Chance, dauerhaft clean zu bleiben und auch im "normalen Leben" klar zu kommen. "Synanon ist ein wichtiger Mosaikstein in der Drogenhilfe", sagte die Drogenbeauftragte Nickels nach einem Rundgang durch das Kreuzberger Projekt. Der sofortige "kalte" Entzug, auf den die Einrichtung setzt, sei allerdings nicht für jeden Süchtigen geeignet. Deshalb fördere die Bundesregierung auch weiterin das Substitutionsprogramm mit Methadon.

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