Syrischer Autor Aboud Saeed : Als geflüchteter Schriftsteller in Berlin

Als sein erstes Buch in Deutschland erschien, war Aboud Saeed noch in Syrien. Nun liegt sein zweites Werk vor – und der Autor lebt seit fast genau zwei Jahren in Berlin. Ein Erfahrungsbericht.

Aboud Saeed, Übersetzung: Sandra Hetzl
Angekommen. Aboud Saeed in Berlin.
Angekommen. Aboud Saeed in Berlin.Foto: Mike Wolff

Als ich in Deutschland ankam, landete ich zuerst am Flughafen Schönefeld, wo mich meine Freundin und Verlegerin Nikola abholte. Sie reichte mir eine Flasche Mineralwasser. Anschließend kaufte sie mir ein BVG-Ticket, und mit dem fuhr ich dann zum ersten Mal in meinem Leben U-Bahn. Ich kannte das zuvor nur aus Filmen, vor allem von Verfolgungsszenen, wo die Gang dem Helden hinterherjagt. Im amerikanischen Kino gibt es das ja oft. Da war ich nun also, und fuhr selbst mit der U-Bahn, im Besitz eines Fahrscheins, und weder waren mir Gangster noch Polizisten auf den Fersen. Ein Held war ich auch nicht, ich war lediglich hungrig, weil ich weder im Flugzeug noch im Flughafen etwas gegessen hatte. Also ging Nikola mit mir in die Sonnenallee zum Falafelessen. In der Sonnenallee überkam mich plötzlich die blanke Enttäuschung. War ich hier wirklich in Deutschland? Und kaum hatte ich mein Sandwich aufgegessen, da bogen wir auch schon in die Weserstraße ein. Aha, hier war es also. Hier war also Deutschland. Hier würde ich sein, hier würden sich meine Talente entfalten. Auf dieser Straße würde ich dem Mädchen meiner Träume begegnen: Ich würde nicht wählerisch sein. Dann tranken wir ein Bier. Meine Augen wurden rot und fielen mir fast aus den Höhlen bei dem Anblick Fahrrad fahrender Mädchen.

Wir gingen zum Hermannplatz und überrascht stellte ich fest, dass auch Nikola dort ein Fahrrad geparkt hatte. Wir ließen uns mit Nikolas Smartphone fotografieren. Ich, sie, meine Übersetzerin Sandra und das Fahrrad. Dann postete ich das Foto bei Facebook und schrieb darunter: „Ich und meine Verlegerin in Berlin.“ Da kommentierte mein in Saudi-Arabien lebender Bruder: „Eine Verlegerin, die nicht einmal ein Auto hat, mit dem sie dich gebührend empfangen könnte!? Wenn sie so dermaßen arm ist, dass sie sich nicht einmal ein Auto leisten kann, wieso bestellt sie dich dann überhaupt nach Deutschland?“ Andere Facebookfreunde schrieben: „Glückwunsch!“ Einer fragte: „Ist das deine deutsche Geliebte?“ Und meine in der Türkei lebende Freundin, der ich gerade verkündet hatte, dass ich sie liebe und bis zu meinem Lebensende mit ihr zusammen sein werde, beschränkte sich darauf, das Bild kommentarlos zu liken. Mein großer Bruder hingegen schrieb: „Angela Merkel persönlich hätte dich empfangen sollen!“ Von meiner Schwester kam: „Mensch, hast du’s gut.“ Eine andere Freundin schrieb: „Mag ja sein, dass die deutschen Frauen blond sind, schön sind die jedenfalls nicht!“

Ich rauche jetzt auch Marihuana

Am Ende hatte das Foto achthundert Likes und über dreihundertfünfzig Kommentare. Es war das erste Foto von mir, das eine derartig astronomische Zahl an Likes bekam. Aus dieser Zahl folgerte meine Mutter, dass dies das wichtigste Ereignis meines Lebens sein musste.

Jetzt lebe ich in Friedrichshain, gleich bei der Warschauer Straße. Endlich habe ich es zu einer Wohnung mit unbefristetem Mietvertrag gebracht. Meine Miete zahlt mein ritterlicher Freund namens Jobcenter. Eine schöne Wohnung: zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Balkon und eine schöne Nachbarin, in die ich mich verliebt habe, und wenn meine Freunde mich nach der Gegend fragen, in der ich lebe, sage ich: „Ein sehr schickes Viertel. Es sind alles Deutsche die hier wohnen!“ Jeden Morgen öffne ich das Fenster und gieße die Blumen, die mir die Vormieterin vererbt hat. Ich skype mit meiner Mutter in der Türkei und erzähle ihr, dass ich mich um die Blumen kümmere. Meine Mutter lacht und sagt: „Gott ist aber auch wirklich zu allem imstande. Du kümmerst dich um Blumen? Ich glaub’s nicht.“ „Das ist längst nicht alles, Mama. Ich rauche jetzt auch Marihuana. Das ist lecker, es wird dir sicher auch schmecken. Wenn du eines Tages hier bist, bringe ich es dir bei.“

Ich bin glücklich in der neuen Wohnung. Davor wohnte ich in Wedding. Damals ging ich immer schon abends um zehn schlafen. Nicht etwa, weil ich morgens früh zur Arbeit musste. Sondern weil sich ganz Wedding um zehn Uhr abends schlafen legt. Sogar meine Freundin, die mit mir zusammenwohnt, legte sich während der Zeit in Wedding um zehn Uhr schlafen. Durch diese Lebensweise nahm ich zu und hatte Angst, irgendwann übergewichtig zu werden. Deswegen zog ich dann nach Neukölln. Da verbrachte ich meine Abende meist in den Bars rund um die Weserstraße und manchmal auch im Café Kotti am Kottbusser Tor. Dort mag ich vor allem die Leute, die es da hinzieht. Ich mag aber auch die Einrichtung und die intime Atmosphäre. Jedes Mal suche ich mir ein langes Sofa aus und setze mich darauf, für den Fall, dass plötzlich ein Mädchen hereinkommt und keinen Platz findet. Dann würde ich ihr nämlich neben mir Platz machen und mich augenblicklich in sie verlieben. Doch stattdessen kommt jedes Mal wieder irgendein Syrer, der einen noch freien Platz sucht, und am Ende verbringe ich den Abend mit einem Syrer zu meiner Rechten, einem Libyer zu meiner Linken und einer tunesischen Dame um die siebzig mir gegenüber.

Einmal war ich gerade mit meiner Freundin – der, die schon um zehn Uhr abends schlafen geht – auf dem Nachhauseweg von einer Neuköllner Bar. Ich war besoffen, als mir plötzlich ein blondes Mädchen in Begleitung einer älteren Dame und eines Hundes eine Pistole ins Gesicht hielt.

Ich kam, beladen mit 75 Zigarettenschachteln und 1000 Sünden

Sie drohte uns: „Gebt uns alles, was ihr an Geld dabeihabt!“ Für einen Moment dachte ich, ich sei im Programm „Versteckte Kamera“ mit Ziad Sahtout gelandet. Ich sah meine Freundin lächelnd an und wartete auf den Moment, in dem dieses Mädchen loslachen und „Versteckte Kamera!“ rufen würde. Das war ganz bestimmt die versteckte Kamera. Ich befand mich schließlich in Deutschland ... dem Land der Sicherheit ... Der Hund fing an zu bellen, als wolle auch er Geld haben. Die Pistole machte mir nicht halb so viel Angst wie der Hund. Die Situation zog sich in die Länge – und von Ziad Sahtout immer noch keine Spur. Meine Augen suchten verzweifelt in der Dunkelheit nach dem Lichtreflex einer Kamera.

Doch das Mädchen insistierte und schrie, während sie die Pistole an meine Brust hielt: „Give me money!“ Vielleicht war das Ganze doch kein Scherz. Kein alberner Gag. Und ich erkannte langsam, aber deutlich, dass das Mädchen Drogen genommen hatte. Ich versuchte, sie durch Reden abzulenken, um die Pistole unbemerkt anzufassen. Ich wollte mich vergewissern, ob sie aus Metall war oder vielleicht nur aus Plastik. Sie war echt!!! Und die versteckte Kamera eine Illusion!! Ich zog meine Zigarettenschachtel aus der Jackentasche. Steckte dem Mädchen eine Zigarette in den Mund. Ich gab ihr Feuer, dann zündete ich mir selber auch eine an und sagte zu ihr: „Jetzt hör mal gut zu. Ich bin aus einem Land geflohen, wo alles, was man tut, Selbstmord ist. Jedes geparkte Auto ist eine Autobombe, jeder Fußgänger hat einen Sprengstoffgürtel um, in jeden Park hat man Zeitbomben gepflanzt, jeder Vogel am Himmel ist ein MiG-Jet. Er sieht nur aufgrund der Entfernung so klein aus und kann jeden Moment die in Schulen, auf Märkten, öffentlichen Plätzen, bei Hochzeiten, in Häusern oder auf Beerdigungen versammelten Menschen bombardieren.

Diese sind lediglich Komparsen für das nächste Massaker. Du brauchst Geld? Mein ganzes Leben lang träume ich schon von einem iPhone mit MP3-Songs von Naseer Shamma und Ghalia Benali ... Möchtest du vielleicht meine Hose haben? Ich hab sie seit sieben Jahren nicht gewechselt, sodass sie jetzt völlig zerfleddert ist. Schau dir mal meine Schuhe an! Die hab ich gefunden, sie lagen weggeworfen an einer Straßenecke. Meinen Freunden habe ich erzählt, ich hätte sie für achtzig Euro gekauft. Ich bin nach Deutschland gekommen, beladen mit 75 Zigarettenschachteln und 1000 Sünden. Weißt du was? Ich glaube, wir gehen am besten zusammen in den Park. Meine Freundin, den Hund und diese ältere Dame lassen wir einfach hier und dann haben wir Sex im Dunkeln. Und dann klaue ich dir alles, was du an Geld hast, aus deiner Tasche und schicke es meiner Mutter, damit sie den Ölofen anmachen oder meiner Schwester Lippenstifte kaufen kann. Wir sind nämlich Stadtbeduinen, Prekariat, wir tragen auch bei Beerdigungen viel Make-up und ziehen unsere schönsten Kleider an, und die Frauen tragen alles, was sie an Schmuck besitzen, auf einmal. Wir singen und trauern im Sufi-Stil, wir trällern und heulen so laut, dass unsere Stimmen noch vor den Seelen der Toten zum Himmel steigen.“

Die Zigarette steckte ihr immer noch zwischen den Lippen, doch inzwischen hatte sie ihre Hand mit der Pistole sinken lassen. „Du willst Geld? Ich habe meine Liebste für eine Gasflasche verkauft. Ich habe mir den Schnurrbart rasiert ... Meine Würde habe ich bei meiner Mutter gelassen, dann kam ich hierher. Meine Mutter warf sie dann in den Müllkorb. Mein großer Bruder brachte den Müll raus. Dann kamen Katzen und Hunde und haben meine Würde zerfleischt. Was von ihr übrig blieb, vertrocknete, verschrumpelte, von Fliegen umschwirrt. Doch immer noch könnte ich schwören, dass es ihr gut geht.“

Das Mädchen fing so dermaßen an zu lachen, als hätte ich ihr einen Witz erzählt. Ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, ob sie sich einen Spaß mit uns erlaubt hat, vielleicht war ich zu besoffen, um das zu beurteilen.

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