SZENARIO II : Überleben ist möglich

Ihre Niederlage verdanken die Berliner Liberalen den Parteifreunden im Bund? An der These ist viel Wahres. In der derangierten Landespartei glauben viele, dass namentlich die Herren Westerwelle, Rösler, Niebel, Bahr viel dafür getan haben, die früher angesehene Partei als Truppe der Egoisten, Karrieristen und Lobbyisten erscheinen zu lassen. Gegen das Streiten, Hadern und Manövrieren im Bund – von der Hotelsteuer bis zur Anti-Euro-Kampagne – konnten die Berliner keinen erfolgreichen Wahlkampf machen.

Und jetzt? Man wird sehen. Schlanke Strukturen, Kampagnen-Fähigkeit wenigstens im Internet, so dass man in interessierten Kreisen noch wahrgenommen wird: So könnte es funktionieren. Politisches Überleben mit einer reduzierten Kalorienration: kein Geld für große Auftritte, Anzeigen, Veranstaltungen, die Miete großer Säle. Politik im Internetzeitalter – vielleicht nicht ganz so manisch wie die Piraten, aber genauso diskussionsfreudig und direkt: Warum sollen Liberale das nicht können? In den kommenden fünf Jahren, mindestens, wird es darum gehen, die Parteistrukturen intakt zu halten. Leute müssen diskutieren, Ideen entwickeln – und vor allem das Gefühl pflegen, zusammen für politische Ideen zu streiten. Ohne Parlament und Bezirksverordnetenversammlungen sind jetzt die wirklich Überzeugten gefragt.

Allerdings droht Autoritätsverfall: Wie hieß noch mal der FDP-Mann mit den interessanten Ideen zur Reform der Jobcenter? Keine Ahnung.

Die Partei funktioniert, man sieht sich jährlich zum Parteitag. Mitglieder von Arbeitsgruppen treffen sich in der Geschäftsstelle, wo die Kugelschreiber vom letzten Wahlkampf lagern, schreiben Konzepte und mailen sie an alle Parteifreunde mit einem E-Mail-Account – aber der Prozess der Auszehrung setzt sich fort. Denn neue Leute, neue Talente kommen nicht mehr dazu. So könnte die FDP in Berlin zur Polit-Sekte werden: zäh, glaubensfest, irrelevant.

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