Szenebezirk : Wer regiert Kreuzberg?

06.05.2012 00:00 Uhrvon
Mit Autonomen-Flagge. Sven ist 37 und betreibt den „Disorder-Laden“ in der Mariannenstraße. Er hat nichts gegen Touristen, nur zu viele dürfen es nicht sein. Foto: Kai-Uwe-Heinrich
Mit Autonomen-Flagge. Sven ist 37 und betreibt den „Disorder-Laden“ in der Mariannenstraße. Er hat nichts gegen Touristen, nur zu viele dürfen es nicht sein. - Foto: Kai-Uwe-Heinrich

Zwischen Touristen, Linken und Investoren – im Szenebezirk wirken ganz unterschiedliche Kräfte. Alteingesessene spüren: Der Ansturm frisst den Mythos.

Wenn das keine Erfolge der linken Szene sind: Mehr Menschen denn je liefen bei der revolutionären 1.Mai-Demo mit – erfunden in Kreuzberg, exportiert in den Wedding. Die „Gentrifizierung“ ist weit über die linke Szene Kreuzbergs hinaus zum Kampfbegriff geworden. Im Streit um das BMW-Guggenheim-Lab waren linke Aktivisten schnell und entschlossen genug, um die Lab-Planer nachhaltig zu erschrecken. Das Ergebnis eines ruppigen Auftritts bei einer Lab-Werbeveranstaltung in Kreuzberg: Die schicke Debatten-Plattform wird nicht in Kreuzberg errichtet, sondern in Prenzlauer Berg.

Die Brache an der Schlesischen, Ecke Cuvrystraße, auf der das Lab stehen sollte, bleibt frei und alltäglich frei befeierbar. Der Kreuzberger Polit-Frühling zeigt: Robust und wach wie lange ist der Widerstandsgeist gegen alles, was nach Kapital, Aufwertung, Hauptstadt-Hype aussieht. Der Mythos lebt. Das „Wir-sind-anders“-Gefühl gibt die politische Richtung vor.

Bilder aus der Oranienstraße:

Doch der Eindruck täuscht. Die Frage, wer – oder was – den Stadtteil an der Spree regiert, ist nicht so leicht zu beantworten. Anderswo in Berlin, in Reinickendorf zum Beispiel, mag der Bezirksbürgermeister als politischer Repräsentant und Richtungsgeber funktionieren. Franz Schulz, Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, würde nie von sich behaupten: Die Politik bin ich. In Kreuzberg wirken die verschiedensten Kräfte, schon seit den Zeiten der Studentenbewegung, spätestens seit den frühen Achtzigern, als Hausbesetzer, Genossenschaftler, Reformer des eigenen Lebens, Künstler und Punker den Bezirk am Ende West-Berlins bezogen. Davon ist einiges geblieben, was weiterwirkt und Kreuzberg vital, anders, erfinderisch und mythenträchtig erscheinen lässt. Doch genau das, dieses Andere an und in Kreuzberg, sehen viele, die es mit entwickelt haben, heute bedroht: nicht durch Touristenmassen und Rollkoffer-Staus, auch nicht allein durch zahlungskräftige Mieter, die unbedingt in SO 36 wohnen wollen. Doch beides wirkt zusammen und wertet die Gegend auf, die großen Bauprojekte an der Spree kommen dazu.

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