Berlin : Szenenapplaus in Gethsemane

Was sich beim zweiten gemeinsamen Abendmahl abspielte

Claudia Keller

SONNTAGS UM ZEHN

Erst knieten sie, dann legten sie sich ihm zu Füßen. Zwei Stunden lang ließen die Fotografen den katholischen Priester Bernhard Kroll am Samstagabend nicht aus dem Fokus ihrer Linse – auch wenn sie sich dafür verrenken mussten. Der Einsatz hat sich gelohnt. Denn der zweite ökumenische Gottesdienst mit gemeinsamer Abendmahlsfeier könnte in die Geschichte eingehen. Ereignet hat sich das Ganze in der Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg, wo sich schon am Donnerstag Protestanten und Katholiken zur ersten gemeinsamen Mahlfeier versammelt hatten.

Rund 2500 Gläubige und Schaulustige kamen am Sonnabend um 18 Uhr in den Backsteinbau in der Stargarder Straße, mehr noch als am Donnerstag. Am Eingang verteilten „Engel im Einsatz“ gelbe Bänder, um die zusammengekommene Gemeinschaft zu stärken, obwohl es hier in der Gemeinde Prenzlauer Berg Nord gar nichts mehr zu stärken gibt, so einig sind sich alle. Zumindest an diesem Abend.

Die Gemeinsamkeit, die Einheit im Namen Jesus Christus war das große Thema dieses Gottesdienstes. Davon sprachen die Lieder, die 2500 Kehlen kräftig mitsangen (vor lauter Ergriffenheit kriegte man Gänsehaut). Davon handeln die verlesenen Psalmen, darüber predigte Priester Bernhard Kroll.

Die Liturgie gestalteten am Sonnabend die drei evangelischen Gemeindepfarrer, die Predigt hielt der katholische Priester. Am Donnerstag war es genau andersrum. Zum Abendmahl sind alle eingeladen, Katholiken und Protestanten, im Rahmen eines evangelischen Gottesdienstes ist das kein Problem.

Das Heikle an diesem Abend ist die Frage, ob Kroll Oblate und Wein aus evangelischer, also ungeweihter Hand entgegennimmt oder nicht. Denn das hat der Papst ausdrücklich verboten, zuletzt in seiner Enzyklika von Ostern. Aber zuerst predigt Kroll und schlägt Brücken. Schon die Jünger haben darüber gestritten, wer am gemeinsamen Mahl teilnehmen darf und wer nicht. „Wenn wir das Brot brechen, ist Jesus gegenwärtig, bei allen“, sagt Kroll. „Wenn wir in beiden Konfessionen das Gleiche glauben, dass Jesus beim Mahl unter uns ist, und das Gleiche tun, warum nicht zusammen?“ Deshalb sollen nicht nur Protestanten und Katholiken in Jesus’ Namen zusammen essen und trinken, sondern auch die Armen und Reichen. Auch die müssten – naive Hoffnung? – endlich an einem Tisch sitzen.

Wie der kritische Theologe Hans Küng am Vormittag bekam auch Kroll bei seiner Predigt immer wieder Szenenapplaus. Überhaupt war die Stimmung in der Kirche aufgeheizt, gefühlte Temperatur: 35 Grad bei Sauerstoffmangel. Trotzdem: Die Leute klatschen, sangen, als würden sie nie etwas anderes tun, im Kanon, ließen sich antreiben von Chor, Saxophonisten und Sängerin. Einmal verteilten sich die Musiker über den Kirchenraum und ließen – sehr schön – „Klangquadrate“ verströmen.

Und dann kam der große Moment, als alle im Kreise standen und das Abendmahl ausgeteilt wurde. Unter den Empfangenden im vollen Ornat: der katholische Priester Bernhard Kroll. Er aß die Oblate und trank den Wein. Die Fotografen schossen, was Linsen und Blitzlichter hergaben.

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