Berlin : Szenenwechsel

In keiner Branche ist so viel Bewegung wie auf dem Kunstmarkt. Räume werden erobert, Viertel plötzlich hip – und wieder Geschichte. Wir zeichnen anhand der aktuellen und gewesenen Hotspots nach, wohin Berlins Galerien in den letzten zwei Jahrzehnten gewandert sind

Text: Christiane Meixner Grafik: Paul Blickle

Als der Galerist Bruno Brunett von Köln nach Berlin kam, schien die Frage des Standorts ganz einfach: Anfang der neunziger Jahre blickte alles auf die Auguststraße, wo Ausstellungen in illegalen Bars ebenso selbstverständlich waren wie in den benachbarten Kunst-Werken, wo sich in heruntergekommenen Räumen Stars wie Doug Aitken oder die Chapmans-Brüder präsentierten. Brunett aber zog es nach Wilmersdorf: Contemporay Fine Arts Berlin (CFA) wurde in der Fußgängerzone gegründet.

Dass man dort in bester Gesellschaft war, haben inzwischen viele vergessen. Damals saß die Galerie Neugerriemschneider in der angrenzenden Goethestraße. Andere Nachbarn hießen Volker Diehl oder Max Hetzler. Keiner von ihnen ist dort geblieben – wenn man eine Galerie wie Volker Diehl seit kurzem doch wieder unter der alten Adresse findet, dann ist sie nach mehreren aufwendigen Umzügen quer durch die Stadt zurückgekehrt.

Wenn eines die Berliner Kunstszene charakterisiert, dann sind das die Wanderbewegungen der vergangenen zwei Jahrzehnte. Wie auf ein geheimes Kommando setzen sich die Galeristen in regelmäßigen Abständen in Bewegung. Ziehen von West-Berlin in die neue Mitte oder siedeln sich an Orten an, deren Qualitäten sie offenbar früher als andere erkennen – so wie das ehemalige Tagesspiegel-Areal an der Potsdamer Straße, das nun seit mehr als einem Jahr der neue Hotspot der Szene ist. Verlassen werden solche Quartiere spätestens dann wieder, wenn der x-te Reiseführer den Ort zum „Geheimtipp“ erklärt.

Den Überblick zu behalten, ist dabei ganz schön schwierig. Wer erinnert sich noch daran, dass Galerien wie Matthias Arndt und Aedes einmal in den Hackeschen Höfen ansässig waren? Oder dass Guido Baudach seine Künstler unter dem Label „Maschenmode“ auf der Torstraße vermarktete? Wir versuchen es trotzdem, zeichnen in unserer Grafik die Bewegungen zwischen den Kunstquartieren nach – und erzählen deren Geschichten. Ganz sicher erhebt die Karte keinen Anspruch auf Vollständigkeit und markiert auch nicht einfach die wichtigsten Galerien. Vielmehr versucht sie, anhand der farbigen Umzugslinien sichtbar zu machen, wie sich die Gewichte immer wieder verschieben. Dass etwa Mitte lange ein Kraftzentrum war, es die Galeristen aber heute – nach zahllosen Umbauten – von dort wegzieht. Viele wollen an die neuen Schnittstellen, andere gehen selbstbewusst auf Distanz. Und manche gelangen nach langer Reise wieder an die anfängliche Adresse, weil es dort eigentlich auch nicht schlecht war ...

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