Berlin : Szenische Lesung: Die Flucht aus Spandau

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Vor 150 Jahren befreite der spätere amerikanische General, Senator und Innenminister Carl Schurz den Schriftsteller und Revolutionär Gottfried Kinkel aus dem Spandauer Zuchthaus. Eine szenische Lesung am 15. November im Gotischen Saal der Zitadelle soll an dieses Ereignis erinnern. Wird sie ein Erfolg, denken die Initiatoren daran, aus dem Thema ein Theaterstück zu machen. Von 2001 an könnte es jährliche Carl-Schurz-Festspiele in Spandau geben.

Der Bonner Literaturprofessor Kinkel hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts in der revolutionären Demokratiebewegung engagiert und im badisch-pfälzischen Aufstand gegen die monarchistischen Truppen gekämpft. Verwundet geriet er in Gefangenschaft. Zu lebenslanger Haft verurteilt, wurde er am 11. Mai 1850 ins Spandauer Zuchthaus eingeliefert. Es befand sich im ehemaligen Palais des Grafen Lynar im Rechteck, das heute von Charlotten- und Moritz-, Kinkel- und Carl-Schurz-Straße gebildet wird.

Der damals 21-jährige Kinkel-Schüler Carl Schurz reiste - bereits steckbrieflich gesucht - mit fremdem Pass nach Spandau. Mit Hilfe zweier Spandauer Bürger - des Schmiedemeisters Poritz und des Fuhrmanns Hensel - organisierte er die Flucht. Das Geld zur Bestechung des Gefängniswärters Brune kam von der Familie Mendelssohn-Bartholdy. Der zunächst für die Nacht von 5. zum 6. November geplante Ausbruch scheiterte, weil ein Aufseher den Zellenschlüssel mit nach Hause genommen hatte. In der folgenden Nacht gelang es dann, Kinkel auf den Dachboden des Zuchthauses zu bringen, von dort auf die damalige Potsdamer Straße (heute Carl-Schurz-Straße) abzuseilen und mit einer Kutsche durch das geöffnete Potsdamer Tor zu fliehen. Während die Häscher ihn in Richtung Hamburg verfolgten, gelang es Kinkel, sich über Nauen, Gransee und Warnemünde nach Schweden und von dort nach England abzusetzen. Dorthin hatte sich auch der damalige Spandauer Bürgermeister Eduard Zimmermann geflüchtet, der nach seinem Aufruf an das preußische Heer, der Monarchie den Gehorsam zu verweigern, ebenfalls verfolgt wurde und erst 1861 nach seiner Amnestie heimkehren konnte.

Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel, gebürtiger Spandauer, ist der Initiator der vom Kulturforum organisierten Jubiläumsveranstaltung. Er wird selbst aus den Erinnerungen von Carl-Schurz lesen. Unter der Regie von Matthias Diem (Altstadt-Theater) stellen die Schauspieler Joachim Grubel (als Brune) und Werner Schuster (als Kinkel) die Fluchtszene nach. Untermalt wird die Veranstaltung von der Musik Mendelssohn-Bartholdys. Der 15. November (Beginn 19.30 Uhr) wurde gewählt, weil Kinkel an diesem Tag das Schiff bestieg, mit dem er in die Freiheit gelangte.

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