Tacheles-Bildhauer Hüseyin Arda : "Investoren machen uns unmoralische Angebote"

Hüseyin Arda war von Anfang an dabei, als das Tacheles 1990 besetzt wurde. Heute leitet der Bildhauer die Metallwerkstatt im Hof und erzählt, wie er sich die Zukunft des bedrohten Künstlerhauses vorstellt.

Bildhauer Hüseyin Arda.
Bildhauer Hüseyin Arda.Foto: Jakob Hauser

Was bedeutet das Tacheles für Sie?

Das Tacheles ist für mich eine Utopie, die wir auch tagtäglich leben, seit 21 Jahren, also seitdem wir hier sind. Es ist eine Utopie eines Freiraums in einer Metropole, den man mit Kunst und Kultur bespielt und somit einen Ort schafft, an dem Künstler, Kunst und Betrachter zusammen kommen. So wird eine kreative Atmosphäre geschaffen, in der sich die Menschen wohl fühlen. Aber es geht hauptsächlich um den Freiraum. Dieser ermöglicht alternativen Künstlern die Verwirklichung ihrer Projekte, ohne auf Marktkonjunktur oder staatliche Reglements Rücksicht nehmen zu müssen.

Wie stellen Sie sich das Tacheles der Zukunft vor?

Das Tacheles der Zukunft sollte, was übrigens nicht mein Vorschlag ist, sondern von dem Berufsverband Bildender Künstler kommt, als exemplarisch demokratischer Raum erhalten bleiben. Es sollte sich meiner Meinung nach selbst verwalten, und auf keinen Fall eine staatliche ordnende Hand erfahren, sondern eine pflegende Hand, wenn überhaupt. Man sollte das Tacheles in seiner jetzigen Form erhalten; die Menschen müssen sich natürlich neu organisieren, schließlich hat eine Zäsur stattgefunden. Dadurch, dass die oft kritisierte Gastronomie gegangen ist, ist auch ein neues Tacheles entstanden. Das Tacheles sollte für Kunst der alternativen Art, abseits des Kunstmarktes, als selbst verwaltender Raum erhalten bleiben.

Künstler planen den Bau einer Brücke über die Mauer im Torbogen. Wann soll die Aktion starten?

Für die Demo wird die Brücke vielleicht nicht fertig, es geht aber auch nicht darum, sich unter Zeitdruck zu setzen. Es geht um die Idee, den Prozess, der auch sehr wichtig ist. Wir haben zum Beispiel am Donnerstag durch den Anfang dieser Arbeiten erfahren, wie gefährlich es von den Spekulanten eingeschätzt wird, dass wir eine Brücke über die Mauer bauen wollen. Es wurde unverzüglich der Strom abgestellt. Unsere Antwort war: wir holen uns einen Generator und bauen weiter. Diese Aktion soll zum Nachdenken anregen; es soll den Investoren klar werden, dass sie mit den Künstlern nicht so umgehen können und vielleicht umdenken müssen. Wir suchen ja auch den Kompromiss; vielleicht müssen die anderen auch nicht so ignorant sein, also die Mächtigen dieser Stadt, sondern sich mal selbst fragen, was das Tacheles wirklich ist. Nämlich ein Freiraum.

Welche Angebote haben die Investoren Ihnen gemacht?

Mein erster Gedanke nach einem Auszugsangebot für 100.000 Euro war, dass es ein unmoralisches Angebot ist. Man soll etwas, das man liebt kaputtmachen, soll es für Geld hergeben und seine Ideale verkaufen. Ich denke, dass das Tacheles ein Teil der Seele Berlins ist; ein Vorzeigeobjekt, ein Gesicht. Man präsentiert sich hier als tolerante und weltoffene Stadt. Nur weil hier eine solche Kunstform möglich ist, die nicht reglementierte, nicht institutionalisierte Kunst, ist Berlin eine Kunstmetropole, und deswegen ist es neben Paris und New York und London überhaupt interessant. Die Aufgabe lautet, diesen alternativen Kunstraum zu schützen. Als wir das erste Angebot erhalten haben, habe ich das sofort publik gemacht. Ich sah eine Gefahr aufkommen, weil das andere Methoden sind, als wir sie gewohnt sind. Jetzt ist das Kapital hier und schmeißt mit Geld um sich und versucht, eine Spaltung in der Bewegung herbeizuführen. Die war faktisch schon vorher da, wegen der Querelen der letzten Jahre. Jetzt ist durch das Geld die Bewegung ins Wanken gekommen.

Seit Ende April ist wieder ein Angebot da, von zuletzt 330.000 Euro, wahrscheinlich wird es noch aufgestockt. Ich frage mich, wieso man das Geld so negativ und destruktiv einsetzt, die Leute so schäbig und verachtend behandelt, und die da auch noch mitmachen. Ich habe Verständnis dafür, dass die Menschen müde sind, wenn sie von Nirgendwo Unterstützung erhalten und nicht mehr können.

Das Gespräch führte Jakob Hauser

Hüseyin Arda, Bildhauer und Gastdozent für zeitgenössische Kunst an der Technischen Universität Istanbul, ist einer der ursprünglichen Besetzer des Kunsthauses an der Oranienburger Straße. Er leitet die Metallwerkstatt, die sich auf der verbleibenden Freifläche auf dem Hof befindet. 

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