Berlin : Täter gesucht: Vertuschte Morde

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Tötungsdelikte bleiben oft unentdeckt. Nach Auffassung von Buchautorin Sabine Rückert ("Tote haben keine Lobby") liegt das nicht daran, dass wir es mit raffinierten Mördern zu tun haben, sondern am "staatlichen System des Nichtwissen-Wollens".

Sie schreiben, dass viele Tötungsfälle unentdeckt bleiben, weil Mordopfer nicht als solche erkannt werden. Gibt es den perfekten Mord?

Selbstverständlich. Und es gibt ihn viel häufiger als wir annehmen.

Edgar Allan Poe behauptete, wenn auf jedem Grab eines Ermordeten ein Lichtlein stünde, dann wären alle Friedhöfe hell erleuchtet. Ist das nur eine Horrorvision oder Wirklichkeit?

Das entspricht leider eher der Wirklichkeit. Im Vergleich sind Tötungsdelikte relativ selten, aber der Aufwand, den der Staat zu ihrer Aufklärung betreiben muss, ist sehr hoch. Das Interesse an Aufklärung allerdings ist begrenzt, weil Mord als Privatdelikt nicht das Gefüge des Staates bedroht. Anders ist das bei politisch motivierten Morden. In solchen Fällen mobilisiert der Staat sein gesamtes Potenzial zur Aufklärung und Strafverfolgung.

Die Rechtsmedizin hat doch erhebliche Fortschritte gemacht, zum Beispiel mit dem genetischen Fingerabdruck.

Bis es zur Obduktion kommt, müssen schon sehr deutliche Hinweise auf eine Straftat vorliegen. In der Kölner Gerichtsmedizin werden jährlich nur etwa 100 Obduktionen vorgenommen. Nach der statistischen Quote müssten im Jahr aber zwischen 10 000 bis 15 000 Todesfälle polizeilich auffällig sein. Gerichtsmediziner empfehlen deshalb: Wenn Sie einen Mord begehen wollen, tun Sie es in Köln.

Wie hoch schätzen Experten die Dunkelziffer der nicht entdeckten Morde?

Es gibt die so genannte Dunkelfeldforschung für beinahe jede Straftat, aber nicht bei Tötungsdelikten. Bei anderen Delikten lassen sich Neigungsgruppen bestimmen, von denen eine besondere kriminelle Energie ausgeht. Für Tötungsdelikte gilt das nicht, weil die meisten Morde aus einem momentanen Hass heraus begangen werden. Jeder von uns ist ein potenzieller Täter. Die deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin schätzt, dass jeder zweite Fall nicht entdeckt wird. Auf eine hohe Dunkelziffer deutet auch eine Befragung von Häftlingen hin. Neun Prozent von ihnen gaben an, sich des Mordes oder versuchten Mordes schuldig gemacht zu haben, ohne dass die Tat entdeckt wurde.

Woran liegt das?

Todesermittlung ist eine Entscheidungskette. Jedes Glied in dieser Kette hat gute Gründe, ein Tötungsdelikt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der Arzt ist in der Regel kein Experte in Leichensachen. Meistens ist es ein Haus- oder Notarzt, der gerufen wird. Statt die Leiche genau zu untersuchen, wendet er sich häufig an die Angehörigen. Bedenkt man, dass die Täter meistens zum engsten Bekannten- und Familienkreis zählen, fragt er da die Falschen. Stellt der Arzt dennoch eine unnatürliche Todesursache fest, wird die Polizei zu Rate gezogen. Kripobeamte sind jedoch immer schlechter ausgebildet, was die Begutachtung von Todesfällen angeht.

Irrt also der Arzt, bleibt der Mord von vornherein ein gewöhnlicher Todesfall.

Hinzu kommt, dass einige Bundesländer dazu übergegangen sind, die Kategorie "unklarer Tod" von den Formularen der Totenscheine zu streichen. In diese Kategorie fallen aber sehr viele Todesfälle. Früher kam dann automatisch die Polizei. In Schleswig-Holstein etwa bleibt dem Arzt heute nur noch die Wahl, einen natürlichen oder unnatürlichen Tod festzustellen. Da kommt so mancher mit ungeklärter Todesursache unter die Erde.

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