Berlin : Tafeln mit Köhler

Die Werkstatt Deutschland lud zur „Tafel der Demokratie“ am Pariser Platz

Was die Opulenz betrifft, konnte das Spektakel auf dem Pariser Platz mit der Landshuter Hochzeit, einem der bekanntesten mittelalterlichen Feste, nicht ganz mithalten. 320 Ochsen, 1750 Schafe, 1530 Lämmer und rund 500 Kälber wurden im Jahr 1475 geschlachtet, als der Wittelsbacher Georg der Reiche eine politische Allianz mit der polnischen Königstochter Hedwig einging. Gerade mal 120 Kilo Tafelspitz und 105 Kilo Zander wollte Adlon-Küchendirektor Christian Müller am Freitag Abend der „Tafel der Demokratie“ servieren, bei der 1500 Personen gemeinsam mit Bundespräsident Horst Köhler den Beginn von dessen zweiter Amtszeit feierten. Doch die Idee, auch die Bevölkerung bei politischen Ereignissen in einem großen symbolischen Akt mit einzubeziehen, ist ganz ähnlich. Im Landshut des ausgehenden 15. Jahrhunderts tafelten die Stadtbewohner eine Woche lang auf Kosten des Herzogs. Bei der Tafel der Demokratie übernahm der Verein „Werkstatt Deutschland“ die Einladung zum Outdoor-Dinner vor dem Brandenburger Tor, um die Nähe der Bürger zum Staatsoberhaupt zu befördern. Zum Tafelspitz sollte es Erbseneintopf, zum Nachtisch Kuchen mit Sahne geben.

Eingeladen wurden, so der Verein, die „Spitzen aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur“ und 1000 Bürger aus allen Bundesländern, an die Regionalzeitungen Karten für das Dinner verlosten. Vorab konnten die geladenen 1000 Gäste im Internet ihre Wünsche für Köhler und Deutschland äußern. Das Blog, das Köhler in Buchform überreicht werden sollte, liest sich wie ein Regierungsprogramm. Der Finanz-Makler Karl-Otto Volk entwirft in wenigen Sätzen eine Rentenreform, Horst Leister mahnt an, dass der Klimawandel angesichts der Wirtschaftskrise nicht vergessen werden dürfe. Als veränderungsbedürftig werden die Bürokratie, der hoch verschuldete Staatshaushalt und die Bildungspolitik genannt. Die Bürger, die sich hier zu Wort melden, beschäftigen Auslandseinsätze der Bundeswehr, Wahlmüdigkeit und die Folgen des Renditedrucks der Banken. Ein bisschen Flusskrebssülze wird diese Blogger dauerhaft wohl nicht zufriedenstellen. as

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