• TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT Vor 17 Jahren wurde in Berlin die Wiedervereinigung gefeiert: Geteilte Aufmerksamkeit

TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT Vor 17 Jahren wurde in Berlin die Wiedervereinigung gefeiert : Geteilte Aufmerksamkeit

Erika Maier aus Biesdorf ist quer durch Deutschland gereist und hat 24 Menschen aus Ost und West porträtiert

Lothar Heinke

Marzahn zeigt uns die kalte Schulter, als wir nach Biesdorf fahren: Erst die Wand der Hochhäuser, die an die Wolken stoßen – dann hier, im idyllischen Vorstadtörtchen, die stillen Straßen mit den gepflegten Villen, freundlichen Vorgärten und Blumenrabatten zwischen dem Gras hinterm Haus. Auf diese heile Welt blickt Erika Maier, wenn sie sich an den Computer setzt, ihre Notizen überfliegt und ins Blaue schreibt. „Drei Jahre habe ich damit verbracht“, sagt sie, „drei Jahre durch Deutschland reisen, telefonieren, schöne Gegenden erleben und schließlich all das aufschreiben. Und hier ist es nun“. Sie legt ein Buch auf den Tisch, auf dem Umschlag sieht man zwei typografisch „angeschnittene“ Menschen in Jeans, ein Frauen- und ein Männerbein, die beiden sitzen auf einer Bank, so weit voneinander entfernt, dass der Buchtitel zwischen sie passt: „Einfach leben“ – das sind zwölf Doppelbiographien von hüben und drüben, da erzählen zwei mal zwölf Menschen „über sich, ihren Beruf, ihre Familie, über Deutschland und die Welt“, sagt die Autorin, deren Temperament auch im 70. Lebensjahr nicht durch Gartenarbeit zu zügeln ist.

Die zündende Idee zu dem so einfachen wie genialen Coup, 7000 Kilometer mit Mann und „Skoda“ durch Deutschland zu fahren, um 24 Leute aus Ost und West zu interviewen und ihre Lebensberichte zu schildern, kam der Ökonomin, als sie sich wieder einmal darüber ärgerte, „dass sich immer die Ostdeutschen für ihr Leben entschuldigen müssen“. Warum fragt eigentlich keiner mal die Westdeutschen, wie es ihnen geht? Was hatten sie für Träume, Lebensmuster und Ziele, wie und warum sind sie Architekt, Lehrer oder Pfarrer geworden? „Ich hab beide gefragt“, sagt Erika Maier fast trotzig, „es ist, als ob sich die Leute von hüben und drüben ihre Biographien erzählen. Das hilft uns auch noch 17 Jahre nach der deutschen Einheit, einander besser zu verstehen und manches Anderssein zu begreifen“.

Erika Maiers Deutsches aus Ost und West ist ein Blick ins Leben von Ärzten und Architekten, Autobauern und Bürgermeistern, Bauern, Handwerkern, Lehrern, Offizieren, von Köchinnen, Pfarrern und Professoren. „Der eine konnte die Chancen nutzen und seine Lebensentwürfe verwirklichen, der andere ist an Grenzen gestoßen und hat unter ihnen gelitten“. Manche Gesprächspartner verteidigen vehement ihr Leben „damals“ und heute, die Lehrerin Jutta Dietrich aus Storkow zum Beispiel erzählt, wie viel Mühe sie sich mit ihren Kindern gegeben hat, aber „nach der Wende war plötzlich alles anders. Mir fiel es lange Zeit sehr schwer, mich damit abzufinden, dass einer mitten im Unterricht aufsteht und sagt: Tschüss – macht’s gut – langweilig - ich geh jetzt. Dass heute jeder kommen und gehen kann, wann er will, halte ich für unmöglich. Wer früher bei mir fünf Minuten zu spät kam, der konnte nicht mehr in den Unterricht, weil ich die Tür abgeschlossen hatte“. Ungefiltert sagen die Leute, was sie denken, jeder hat seine eigene Wahrheit. „In Geschichtsbüchern mag über uns und unsere Zeit manches anders geschrieben werden, hier zählt, was er, was sie erlebt hat oder wie sie heute glauben, es erlebt zu haben“, sagt Erika Maier.

Da hätte die Autorin auch sich selbst verewigen können. Die gelernte Bankkauffrau aus Dresden studiert Wirtschaft an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst, lernt dabei ihren Kommilitonen Wilfried kennen und heiratet ihn 14 Tage nach dem Staatsexamen. Sie promoviert, profitiert vom „DDR-Kinderversorgungssystem“, bekommt dreimal Nachwuchs und wird im Alter von 32 Jahren eine der jüngsten Professorinnen der DDR an der Karlshorster Kaderschmiede. 1989 ist die sozialistische Wirtschaftslehre gescheitert. Die Hochschule wird abgewickelt. Erika Maier denkt um, wie viele an der Schwelle zur neuen Zeit, sie entwirft Markt- und Standortanalysen für Unternehmen und Institute. Die PDS-Frau wird Bezirksverordnete in Marzahn, leitet in der BVV den Wirtschaftsausschuss und erfindet einen „Ausbildungs-Oscar“, den Preis für großes Engagement von Betrieben für die Region. (Das hat sich bis nach Hollywood herumgesprochen – von dort kamen Anwaltsbriefe, die den Marzahnern die Verwendung des Wortes Oscar untersagten).

„Ich bin ein Kümmerer“, sagt die schreibende Ökonomin, jetzt hat sie ein linkes Wirtschaftsforum ins Leben gerufen, und für all ihre Aktivitäten erhielt Erika Maier im vorigen Jahr das Bundesverdienstkreuz. Darauf ist sie stolz, das ist vielleicht ein Ausdruck für das, was sie möchte: dass sich die Deutschen aus Ost und West auf Augenhöhe begegnen. Ihre Kinder machen das vor – ihre Partner sind allesamt West-Deutsche. So fügt sich das, vielleicht.

Erika Maier: „Einfach leben – hüben wie drüben“, Dietz-Verlag Berlin, 218 Seiten, 12,90 Euro. Am Mittwoch findet ab 20 Uhr im Grünen Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz eine Lesung mit Erika Maier statt. Anschließend diskutieren u.a. die ehemaligen Offiziere Richard Herrmann (Oberst a.D. der Nationalen Volksarmee) und Harald Siebrecht (Oberst a.D. der Bundeswehr) mit.

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