Tag der offenen Tür : Bürger wagen eine Staatsaffäre

An diesem Wochenende sind in Berlin die Türen der Bundesregierung offen: Viele Minister empfangen Neugierige. Ulla Schmidt nicht.

Daniela Martens
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Blick in den Diensthubschrauber. Abheben durften die Besucher aber nicht. Foto: ddpddp

Die Landwirtschaftsministerin schmatzt. Laut, deutlich und mit Absicht – für das Radiomikrofon unter ihrer Nase. „Der hier schmeckt ja wie Gummi“, sagt Ilse Aigner dann erfreut. Die Ministerin hat beim Geschmackstest herausgefunden, welcher von drei Käsewürfeln Analogkäse ist.

Es ist Sonnabendmittag, Tag der offenen Tür in den Bundesministerien. Auch in Ilse Aigners Amtssitz an der Wilhelmstraße in Mitte: Die CSU-Politikerin ist eine von elf Ministerinnen und Ministern, die die Bürger an diesem Wochenende persönlich treffen können. Sie geht gerade im Innenhof des Ministeriums von Stand zu Stand, zwischendurch macht sie eine Rentnerin aus Gießen glücklich – mit Autogrammen auf vier Kinderbüchern über den Bauern Hubert für die fünfjährige Enkelin. „Ich mag sie“, sagt die alte Dame entzückt. Auch eine andere grauhaarige Frau ist zufrieden nach einem kurzen ernsten Gespräch mit der Ministerin über deren „Gottesfürchtigkeit“. Das Dauerlächeln der Politikerin ist dabei etwas starr geworden. Aber weiter geht’s, immer dicht gefolgt von einem abgewetzten Maskottchen mit wackelndem Kugelkopf und debilen Kulleraugen – „mein Freund“, sagt Ilse Aigner und lacht.

Bei Olaf Scholz, ein paar Schritte entfernt im Arbeitsministerium, geht es ernster zu: Der SPD-Politiker sitzt auf einer Bühne im Innenhof und macht auch gerade eine ältere Dame glücklich: Er diskutiert mit Almut Hübner-Barghoorn aus dem Publikum über Kitaplätze und Altersvorsorge. „Toll, wie er auf mich eingegangen ist“, findet sie später. „Ich bin ganz erstaunt, wie klein, lieb und sympathisch er in Wirklichkeit wirkt.“ Heute, am zweiten Tag der offenen Tür, steht der pensionierten Lehrerin „aus dem fernen Ostfriesland“ eine „schwere Wahl“ bevor: Sowohl den Finanz- und als auch den Außenminister könnte sie gegen Mittag in ihren Amtssitzen antreffen.

Am liebsten wäre Almut Hübner-Barghoorn aber Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) begegnet. Doch die hat dringendere Termine in Aachen – und wahrscheinlich keine Lust, über Autos zu reden. Im Gesundheitsministerium trifft man deshalb nur ein Krokodil mit Zahnbürste und das Popsternchen Jeannette Biedermann – beide grinsen mit sehr weißen Zähnen so profimäßig wie manche Politiker. Auch hier wieder eine freundliche ältere Dame: Hätte sie gern Ulla Schmidt getroffen? „Näh. Mit der habe ich nichts im Sinn. Von der fühle ich mich veräppelt.“ Vielleicht hätte sie ja ein persönliches Autogramm vom Gegenteil überzeugt. Daniela Martens

Am Sonntag sind 14 Ministerien von 10–18 Uhr geöffnet. Informationen unter www.einladung-zum-staatsbesuch.de.

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