Tag der offenen Tür : "Ist das jetzt die Ministerin?"

Am Wochenende können sich Bürger wie Staatsgäste fühlen. Auch das Bildungsministerium gewährt einen Blick hinter die Kulissen, doch viele wollen vor allem ins Kanzleramt.

Berlin - "Ist das jetzt die Ministerin?" Mit fragendem Blick schaut Gunther Röthlin auf die kleine Bühne im Innenhof des Bundesbildungsministeriums in Berlin. Dort hat Annette Schavan (CDU) gerade das Mikrofon ergriffen und begrüßt die Gäste zum Tag der offenen Tür in ihrem Ministerium.

Dass tatsächlich die Ministerin vor ihm steht, hätte Röthlin eigentlich erkennen sollen - schließlich ist er Gymnasiallehrer für Physik, Mathematik und Informatik. Der Nürnberger freut sich über die Gelegenheit, das Ministerium einmal von innen zu sehen. Aber eigentlich hätte er sich erhofft, den Angestellten bei ihrer Arbeit zusehen zu können. "So ist das eher kommerziell angehaucht", bemerkt er etwas enttäuscht.

Zahnkronen und Brücken

Röthlin meint die Ausstellung im Erdgeschoss des Ministeriums. Dort präsentieren Hochschulen und Unternehmen ihre - vom Ministerium geförderten - Forschungsprojekte. Robotertechnik und Bionik sollen den Forschungsstandort Deutschland im rechten Licht darstellen. Vom Verwaltungsalltag im Ministerium bekommen die Gäste hier nichts zu sehen. Stattdessen werden Förderprogramme und Ausbildungsberufe vorgestellt.

In einer Vitrine blinken Zahnkronen und Brücken. Die Handelskammer Berlin stellt den Beruf des Zahntechnikers vor. Ein Mann erläutert das Handwerk im Dentallabor und beklagt sich über die schlechte Ausbildungssituation. Nur wenige Bewerber seien ausreichend qualifiziert für eine Stelle als Zahntechniker.

Angelique Leuschner und Anja Moder können sich hingegen über die Ausbildungssituation nicht beschweren. Seit einem Jahr haben sie einen sicheren Ausbildungsplatz - und zwar im Bildungsministerium. Angelique schrieb zwar über 60 Bewerbungen, bis sie endlich eine Zusage erhielt. Auf fehlende Ausbildungsplätze führt sie das aber nicht zurück: "Man muss gute Noten haben und Interesse zeigen", sagt die Auszubildende.

Kaum Interesse an Gesprächsrunde

Das Interesse am Bildungsministerium ist an diesem Samstagmorgen nicht sonderlich groß. Wenige Gäste verirren sich in das historische Gebäude in der Hannoverschen Straße. Auf ihrem Rundgang wird Annette Schavan lediglich von ein paar Fotografen und Unternehmern begleitet. Auch die geplante Gesprächsrunde zwischen Ministerin und Publikum fällt aus - nur wenige Interessierte fanden sich ein.

Dafür haben viele Besucher eine klare Meinung zur Bildungssituation in Deutschland. "Wir brauchen mehr Investitionen in Bildung und Forschung", fordert etwa Andrea Budde, Hochschullehrerin aus Berlin. Sie ärgert sich über große Seminargruppen, kleine Räume und fehlende Zeit für die individuelle Betreuung ihrer Studenten.

Für viele "Staatsgäste" scheint das Bildungsministerium nur ein kurzer Zwischenstopp auf ihrer Tour durch die Zentren der Macht zu sein. "Wir wollen noch ins Kanzleramt", ist an diesem Morgen häufig zu hören. (tso/ddp)

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