Berlin : Tag der offenen Tunnelröhre

Jörn Hasselmann

Für diese Tour brauchen Wanderer nicht bange auf den Wetterbericht zu warten. Im Tiergartentunnel bleibt man trocken. Allerdings ist festes Schuhwerk für die Betonröhre durchaus zu empfehlen. Jeder, der Lust hat, darf heute von 9 bis 16 Uhr ohne Anmeldung den 570 Meter langen Fernbahntunnel zwischen dem Gleisdreieck und dem Bahnhof Potsdamer Platz durchstreifen.

Berliner Schüler waren gestern die Ersten, die die Erlaubnis erhielten. 60 Schulen hatten mit 1500 Dritt- bis Sechstklässlern ihren Wandertag auf Einladung der Bahn in den Untergrund verlegt. Mit der BVG kamen die Gruppen im Minutentakt am U-Bahnhof Gleisdreieck an. Dort brachte eine ausgeklügelte Logistik Ordnung in die Masse. Am Namensschild und einer Zahlenkombination ließ sich erkennen, zu welcher Schule und welchem Betreuer die Kinder gehörten.

Die Mädchen und Jungen fanden den Sachkundeunterricht im Tunnel klasse. Die Röhre, die Dunkelheit, den Film mit "Max dem Maulwurf", und natürlich den "Tunnel-Nudelsalat", den es am Ende der Wanderung auf den Bahnsteigen unter dem Potsdamer Platz gab. Die Stärkung war nötig. Denn alle 1500 Kinder wurden als "Gleisarbeiter" verpflichtet. Jeweils sechs bis acht Schüler mussten sich am Tunneleingang ein knapp drei Meter langes Gleisstück schnappen und durch den Tunnel tragen. Als die 235 Stücke verbunden waren, war es soweit: Der allererste Zug konnte durch den Tiergartentunnel rollen. Allerdings erinnerte er mehr an die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth im Jahre 1835 als an einen modernen Doppelstock-Regional-Express oder an einen Neigetechnik-ICE.

Wer zuerst kam, musste die Gleise natürlich am weitesten schleppen - die Schüler der Schinkel-Grundschule. Gut 500 Meter trugen die Charlottenburger Drittklässler ihre Gleisteile bis zum Potsdamer Platz. Die folgenden Klassen stückelten ihre Gleisteile wie bei einer riesigen Modellbahn an - bis die eingleisige Strecke mittags in Betrieb genommen werden konnte. Ganz wie bei der großen Eisenbahn mit einem grünen Signallicht.

Bis die Signale im Nord-Süd-Tunnel wirklich auf Grün stehen, vergehen noch mindestens drei Jahre. Die Bahn nutzt deshalb die Gelegenheit, ihre Großbaustelle noch einmal der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Betonrohbau ist fertig, und noch in diesem Jahr rücken die Gleisbauer an. Dann ist ein Wandertag nicht mehr möglich. Zwischen Schienen und Schwellen werde man natürlich keine Besucher herumstolpern lassen, sagte Bahnsprecher Andreas Fuhrmann.

Frühestens 2005 soll der erste Abschnitt des Nord-Süd-Tunnels in Betrieb genommen werden. Zunächst werden Regionalzüge von Süden her bis zum Potsdamer Platz fahren. Auf seiner ganzen Länge von 3,5 Kilometern kann der Tunnel erst durchfahren werden, wenn der neue Lehrter Bahnhof fertig ist. Der Bau des komplizierten Kreuzungsbahnhofs mit der Ost-West-Stadtbahn verzögert sich seit Jahren. Offiziell nennt die Bahn noch 2006 für die Inbetriebnahme des Tunnels, Experten rechnen damit erst für 2008 oder 2009. Am Lehrter Bahnhof ist unterhalb des Stadtbahnviaduktes der Bau der Tunnelbahnsteige noch nicht einmal begonnen. Erst muss der alte Lehrter Stadtbahnhof abgerissen und die Stadtbahn auf die neue Trasse verlegt werden - voraussichtlich geschieht das in der zweiten Jahreshälfte.

So bleiben die Eindrücke von der Fußwanderung durch den Tunnel auf unabsehbare Zeit die letzten. Selbst Laien werden die unterschiedlichen Bauweisen des Tunnels erkennen können: Die Senkkästen an der südlichen Tunnelöffnung und die vier verschiedenen Röhren für die Gleise. Direkt vor dem Bahnhof Potsdamer Platz haben die Ingenieure eine Art Halle mit riesigen Spoilern gebaut: Dort sollen die Druckwellen, die die Züge bei Tempo 120 in den engen Röhren vor sich herschieben, ins Freie geleitet werden. Die Fahrgäste auf den beiden Bahnsteigen sollen möglichst wenig vom Luftzug merken.

Gestern war die Stelle zum ersten Mal voller Menschen, denn zum Schluss der Veranstaltung machten dort 1500 Schüler Rast. Und ganz am Ende des Wandertages dürfte auch Waschtag gewesen sein. Hunderte Füße hatten den feinen Baustaub in den Röhren so aufgewirbelt, dass man keine hundert Meter weit sehen konnte.

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