Berlin : Tag der Organspender: Herz, Leber, Niere gesucht

Ingo Bach

Die "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" ist stolz auf die Deutschen: 72 Prozent der Bundesbürger seien bereit, nach ihrem Tod Organe zu spenden, teilte die Zentrale zum heutigen "Tag der Organspende" mit. Doch bei einer Umfrage Ja zu sagen, ist das eine. Als Angehöriger im Krankenhaus seine Zustimmung zu geben, etwas ganz anderes. "Derzeit lehnen es zwischen 40 und 50 Prozent der Angehörigen ab, dass dem Verstorbenen Organe entnommen werden", räumt die Pressesprecherin der Deutschen Stiftung Organspende (DSO), Annette Tuffs, ein. Vor allem die Situation in den Intensivstationen lässt alle guten Vorsätze vergessen. Am Sterbebett eines geliebten Menschen ist es schwer zu entscheiden, ob man dem künstlich am Leben erhaltenen Körper Lunge, Leber oder Nieren nehmen darf. Und im Zweifel sagen die meisten lieber Nein. "Mit manchen Angehörigen spricht ein Arzt zum ersten Mal dann ausführlich, wenn es um Organspenden geht", sagt Tuffs. Und so stagniert die Zahl der Spender bei 1000 pro Jahr, mit deren Hilfe etwa 4000 Transplantationen vorgenommen werden können. Auf der anderen Seite stehen aber 12 000 Menschen, die dringend ein Spenderorgan benötigen.

Aufklärung ist also noch immer das A und O bei der Organspende, denn Unwissenheit nährt Angst und Misstrauen. Was bedeutet der Hirntod, der laut Transplantationsgesetz der Zeitpunkt ist, ab dem Organe entnommen werden? Wer stellt zweifelsfrei den Hirntod fest? Wie füllt man einen Spenderausweis aus? Solche und andere Fragen beantwortet der Berliner Karl-Heinz Pranat. Er war 1995 der erste Streetworker in Sachen Organspende. "Es hat mich geärgert, dass die Verantwortlichen die Schuld für die mangelnde Spenderbereitschaft immer bei der Bevölkerung suchten", sagt er. "Dabei wollen wir doch etwas von ihr, also müssen wir eine Dienstleistung anbieten: Information." Das Berliner Projekt war so erfolgreich, dass Pranats Idee auch in anderen Städten umgesetzt wurde. Bis Ende vorigen Jahres gab es bundesweit acht Streetworker: neben den beiden in Berlin je einen in München, Hannoversch-Münden, Bochum und Halle. Pranat will keinesfalls in die Nähe eines Propagandisten geraten. "Die Leute werden nicht zugequatscht. Wir wollen niemanden überzeugen, der eigentlich gar kein Organspender sein will." Man traf Pranat und seine Kollegen auf Straßenfesten, in Schulen oder vor Krankenhäusern. Zehntausende dicke Broschüren, Flugblätter und vor allem Spenderausweise hat Pranat unter die Leute gebracht. Dann kam das Aus. Zum 31. Dezember 2000 wurde ihnen allen vom bisherigen Arbeitgeber, der Deutschen Stiftung Organspende, gekündigt.

Die Begründung liefert das Transplantationsgesetz von 1997. Darin ist unter anderem auch bürokratisch korrekt die Zuständigkeit für die Aufklärung geregelt. Die DSO darf nur die Krankenhäuser und Ärzte betreuen, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erledigt die allgemeine Beratung. Die DSO zog sich als Arbeitgeber der Streetworker zurück. Die BZgA als Kofinanzier erklärte, sie allein nicht mehr bezahlen zu können.

Dass die Arbeit der Streetworker eine gute Sache war, darin sind sich alle einig: Krankenhäuser, Krankenkassen, Deutsches Rotes Kreuz, Ärztevereinigungen - alle stellten den Streetworkern gute Zeugnisse aus. Und auch die ehemaligen Finanziers sind des Lobes voll. "Die Streetworker waren ein sehr erfolgreiches Aufklärungsprojekt. Aber ohne Träger nicht zu finanzieren", sagt BZgA-Sprecherin Marita Völker-Albert. Und von der DSO heißt es: "Es war schmerzvoll für uns, dieses Projekt aufzugeben. Aber das Gesetz ließ uns keine Wahl."

Merkwürdig nur, dass DSO und BZgA gemeinsam ein allgemeines Infotelefon betreiben. Die Begründung der BZgA klingt zumindest schwer verständlich: "Weil da ja auch Ärzte und Krankenäuser anrufen", sagt Marita Völker-Albert.

Pranat klärt trotzdem weiter auf. Er fand einen Sponsoren, eine Pharmafirma. Damit ist die Finanzierung der beiden Berliner Streetworker bis zum Ende diesen Jahres gesichert. Was danach kommt? Ein neuer Sponsorenvertrag, ist sich Pranat sicher. "Der Bedarf ist schließlich da."

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