Berlin : Tag der Taktiker

In einigen Wahlkreisen war das Rennen so eng wie selten zuvor. Die Kandidaten kämpften bis zum Schluss. Die Wähler reagierten darauf unterschiedlich.

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Das junge Paar aus Prenzlauer Berg wählt diesmal anders als sonst. In der Vergangenheit, so erzählen die beiden nach dem Verlassen des Wahllokals in der Danziger Straße, hatten sie mal den Grünen und mal der SPD ihre Stimme gegeben. „Aber dieses Mal haben wir taktisch anders gewählt“, erzählen der Sozialarbeiter und die Ärztin. Diesmal gaben sie ihre Erststimme dem Linken-Direktkandidaten Stefan Liebich, da der im Gegensatz zu den Konkurrenten von Grünen und SPD auf keinem vielversprechenden Platz der Landesliste seiner Partei abgesichert sei. Und die Erststimmen der beiden haben die Piraten bekommen: „Um frischen Wind reinzubringen und damit es nicht immer das Gleiche ist“, sagen sie.

So wie die beiden Enddreißiger denken an diesem Sonntag manche Wähler in jenen Berliner Wahlkreisen, in denen das Ergebnis als besonders knapp vorhergesagt wurde. Weitgehend offen war das Rennen um die Direktmandate bis zum Schluss zum Beispiel in Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf, wo der SPD vom Wahldienstleister Election.de ein leichter Vorsprung prognostiziert wurde, der aber für eine halbwegs sichere Vorhersage viel zu knapp war.

In Neukölln und Spandau/Charlottenburg-Nord sah es bis kurz vor dem Wahltag ähnlich eng aus, aber mit leichtem Vorsprung für die CDU. In Pankow lag zuletzt die Linke bei den Erststimmen leicht vorne, wenngleich auch hier die Konkurrenz knapp dahinter folgte. Auch in den Wahlbezirken Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf und Reinickendorf war das Rennen um die Direktmandate nicht ausgemacht, wenngleich in allen drei Wahlkreisen die CDU deutlich vorn lag.

Das oftmals knappe Rennen führte dazu, dass manche Wähler ihre bisherigen politischen Präferenzen ignorierten und ihre Stimmen einem Direktkandidaten gaben, der es aus ihrer Sicht am nötigsten hatte. So wie eine braun gebrannte Rentnerin, die am Sonntagmittag in Mitte ins Wahllokal des Stimmbezirks 228 geht, das sich in einer Mensa der Humboldt-Universität befindet. Hier hat kurz zuvor auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gewählt, die um die Ecke wohnt. „Ich gebe dieses Mal aus taktischen Gründen beide Stimmen der CDU“, sagt die Rentnerin. In den vergangenen Jahren habe sie immer die Linke gewählt, so wie ihr Mann, mit dem sie zum Wahllokal gekommen ist. Aber zum einen sage ihr die Politik Merkels in letzter Zeit mehr zu. Zum anderen hofft sie, dass der CDU-Direktkandidat in Mitte, Philipp Lengsfeld, den Sprung in den Bundestag schafft – was laut Prognosen am Wahltag zumindest wahrscheinlicher schien als ein Direkt-Sieg des Linken-Kandidaten im Wahlkreis Mitte, Klaus Lederer. Der Ehemann der Rentnerin blieb hingegen der Linken treu, egal wie schlecht die Chancen des Direktkandidaten im Wahlkreis sind: „Ich will, dass Merkel abgelöst wird und hoffe, langfristig Rot-Rot-Grün zu stärken“, sagt er.

Während sich bemerkenswert viele Wähler in den knappen Wahlkreisen taktische Gedanken gemacht haben, gibt es auch andere, die sich damit schwertun. „Dieses Jahr ist es besonders schwierig, die richtige Entscheidung zu treffen“, sagt ein Student, der in Prenzlauer Berg soeben seine Stimme abgegeben hat. Eigentlich habe er zuvor meist SPD gewählt, jetzt sage ihm auch die Linke zu – aber angesichts der schlechten Meinungsumfragen für die Grünen in jüngster Zeit gab er dann doch beide Stimmen den Grünen, um die zu stärken.

Andere Wähler hingegen folgten schlicht der eigenen Tradition und den persönlichen Prinzipien, ohne sich von der knappen Ausgangslage ablenken zu lassen. „Ich habe CDU gewählt, wie jedes Mal“, sagt eine Frau, die im Stimmbezirk Mitte ihren Wahlzettel direkt nach Angela Merkel und deren Mann Joachim Sauer in die Urne steckt. Und ein junger Familienvater, der kurz darauf aus dem von Journalisten aus aller Welt umlagerten Wahllokal tritt, erklärt im Gespräch mit Fernsehreportern aus Spanien und Österreich, dass er soeben die FDP gewählt habe – aber nicht etwa aus koalitionsarithmetischen Gründen oder gar aus politischem Mitleid, sondern aus Prinzip: „Ich bin gegen neue Steuern und für weniger Staat“, sagt er.

Manchmal sind es auch ganz persönliche Gründe, die die Entscheidungen in den knappen Wahlkreisen beeinflussen. „Ich kenne Andreas Otto noch aus DDR-Zeiten – keine Frage, dass ich ihn wähle“, sagt eine Wählerin in Prenzlauer Berg nach der Stimmabgabe. Das sagen hier im Viertel rund um die Danziger Straße einige Wähler, die den Direktkandidaten der Grünen für sein Engagement erst in der DDR-Bürgerbewegung, dann für Bündnis 90/Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung und zuletzt im Abgeordnetenhaus schätzen.

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