Tag des offenen Denkmals : Die Vergangenheit hat geöffnet

Zu Besuch an Grabungsstellen, im Bierkeller, in der Stasi-Klinik oder im Corbusierhaus: Am Tag des offenen Denkmals kann man heute noch Orte besichtigen, die sonst nicht öffentlich sind.

Udo Badelt
Stasi-Haftkrankenhaus
Am Tag des offenen Denkmals zum ersten Mal öffentlich zugänglich: Das Stasi-Haftkrankenhaus in Hohenschönhausen. -Foto: dpa

Verschwenderisch gießt die Septembersonne ihr Licht über die 1885 errichteten Backsteinmauern der Brauerei Königstadt, doch im nächsten Moment ist schon alles dunkel. Steil geht es hinunter in den Bauch des einstmals Windmühlenberg genannten Hügels vor den Toren des alten Berlin. Was man nie erwarten würde: Hier unten dämmern riesige gemauerte Hallen vor sich hin, Stalaktiten wachsen von den zweischalig gerahmten Gewölbedecken, der Boden ist das Reich der Wasserlachen. Einst, vor der Erfindung der künstlichen Kühlung, wurden hier abertausende von Bierfässern gelagert, aber 1921 war Schluss, die Brauerei ging in Schultheiss auf. Auch von den vielen benachbarten Brauereien im südlichen Prenzlauer Berg sind heute nur noch die Gehäuse übrig.

Aber die Brauerei Königstadt lebt. Über 50 Gewerbe, darunter Handwerker, Automechaniker, Druckereien, Künstler, Elektriker, Tischler und Werbeagenturen, sind hier ansässig. 1995 haben sie eine Genossenschaft gegründet, 2003 das Gelände gekauft – gegen den Willen des Liegenschaftsfonds, der hier lieber einen großen Investor gesehen hätte. Zum Tag des offenen Denkmals führt Martin Albrecht, Historiker und Archäologe, die Besucher über die kopfsteingepflasterten Höfe und in die Keller. Wer dort hinunter steigt, bekommt selber das Gefühl, ein Archäologe zu sein, der tief in den Schichten der Vergangenheit forscht. Und die Entstehung der einstmals 14 Brauereien in dieser Gegend hat ja tatsächlich etwas mit Archäologie, dem Motto des diesjährigen Denkmaltags, zu tun. War es doch hier am Barnimhang nördlich des Urstromtals möglich, tiefe Keller auszuschachten. „In der Innenstadt, um das Schloss herum, ist der Baugrund mies, das ist ja bis heute ein Problem“, sagt Albrecht. Und als er dann erzählt, warum es einst so viele Brauereien gegeben hat, dass die Berliner andere Trinkgewohnheiten hatten und den Tag durchaus mit einer Biersuppe begannen, da hat er die Ohren und die Sympathie seiner Zuhörer schon gewonnen.

Die Genossenschaft ist eine Erfolgsgeschichte, es gibt Wartelisten für die noch nicht sanierten Gebäude. 10 000 Euro müssen neue Mitglieder einlegen, wenn sie hier Räume mieten wollen, 240 Arbeitsplätze sind entstanden, bald sollen es 400 sein – alles ohne öffentliche Förderung. Kleinteiligkeit als ein Modell für die Zukunft der Berliner Wirtschaft? „Ich glaube nicht mehr an die großen Investoren als Heilsbringer. Hier schaffen wir es aus eigener Kraft“, sagt Klaus Lemnitz, Vorsitzender der Genossenschaft.

Aus eigener Kraft haben auch mehrere hundert Initiativen, Vereine und Einzelpersonen das übrige Programm des Denkmaltags auf die Beine gestellt. Noch bis heute Abend gibt es die Möglichkeit, interessante Orte zu besichtigen, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind, wie die Grabungen auf dem Petriplatz. Auch in Kreuzberg geht es archäologisch zu. An der Ecke Stallschreiber-/Sebastianstraße haben Schüler des Leibniz-Gymnasiums die Fundamente der 250 Jahre alten Luisenstadtkirche freigelegt und präsentieren sie heute von 11 bis 18 Uhr. Zeitlich näher liegen die Bauten von Le Corbusier. Sein Wohnblock „Unité d’Habitation“ an der Flatowallee wird 50 Jahre alt. Und natürlich können sich Besucher auch heute noch um 13 und 15 Uhr über das Gelände der Brauerei Königstadt in der Saarbrücker Straße 18-24 führen lassen. Künstler zeigen dort ihre Werke, Berliner Bands wie „The BossHoss“ drehen Videoclips, und Partys werden hier auch gefeiert. Eine Archäologie der Gegenwart, sozusagen.

Weiteres im Internet:
www.tag-des-offenen-denkmals.de

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