Tag des offenen Denkmals : Experimenteller Gesang im Frauengefängnis

Am Sonntag tritt der Performancechor im ehemaligen Frauengefängnis Lichterfelde auf. Weitere Highlights am Tag des offenen Denkmals lesen Sie hier.

Helke Ellersiek
Gefängnischor. Der Chor um Rebekka Uhlig (li.) richtet seine Performance auf den Raum aus.
Gefängnischor. Der Chor um Rebekka Uhlig (li.) richtet seine Performance auf den Raum aus.Foto: S. Darmer/DAVIDS

Es dämmert schon, als ein kurzer Schrei durch den Innenhof des ehemaligen Frauengefängnisses in Lichterfelde hallt. „Ha“. Stille. Eine Tonleiter. Dann ein Trillern. In den Räumen probt an diesem Abend der Performancechor für experimentellen Gesang. Das Gefängnis ist seit 2010 nicht mehr in Betrieb, jetzt ist es ein Denkmal und eine Kulturstätte, in der Ausstellungen stattfinden, musiziert wird, Lesungen abgehalten werden. Der Performancechor soll hier während des Tages des offenen Denkmals am kommenden Sonntag auftreten.

Das Treppenhaus der ehemaligen Justizvollzugsanstalt ist noch so erhalten, wie es war: ein karger, hallender, rundlaufender Flur mit zwei Etagen, in der Mitte geht es metertief hinunter. Ein Netz aus Maschendraht hängt auf Deckenhöhe des Erdgeschosses, es zeugt noch davon, dass Wärter vor hinabgeschleuderten Gegenständen geschützt werden mussten und die Insassinnen vor sich selbst.

"Wir passen uns dem Raum an"

Chorleiterin Rebekka Uhlig steht am Geländer in der ersten Etage des Gefängnisflurs, ihr gegenüber und über ihr die Frauen und wenigen Männer, die den Performancechor bilden. Sie sind heute elf Leute, jeder trägt einfarbige Kleidung in einer anderen Farbe, das ist so abgesprochen. Viele Mitglieder sind berufstätig, einige sind direkt von der Arbeit hergefahren, um für den Auftritt zu proben. „Wir ertönen gerade den Raum“, sagt Uhlig. So nennt der Chor es, wenn die Singenden die Akustik im Raum ausprobieren. Dabei laufen sie herum, tönen mal hier in der Ecke, mal da in der ehemaligen Zelle, mal dort das Geländer hinunter, zum Netz, unter dem am Sonntag das Publikum sitzt und hinaufschaut.

„Wir passen uns an den Raum an“, erklärt Uhlig. In der Performance richtet sich der Chor nach der Architektur des Gebäudes, in dem sie auftreten, aber auch nach dessen Geschichte und nach der Stimmung. Sie sind schon an vielen ungewöhnlichen Orten aufgetreten: auf Balkons in Neukölln, unter der Kuppel des großen Radarturms auf dem Teufelsberg, im Wasserturm in Kreuzberg. Allein deshalb ist es nie der gleiche Auftritt: „Die Atmosphäre ist an jedem Ort anders, auch das Dirigat wird niemals wieder das gleiche sein“, sagt Rebekka Uhlig. Sie improvisiert, wenn sie dirigiert, und der Chor improvisiert die Töne. Da ist alles dabei, was man schon im Hof hören konnte, und mehr: Summen, klassischer Gesang, der seiner eigenen Melodie folgt, Knacken mit dem Kehlkopf, Obertöne.

Der Chor möchte Hierachien aufbrechen

Nur wenige hier haben einen professionellen Hintergrund, einer hat eine klassische Gesangsausbildung, eine ist Musiktherapeutin, viele haben vorher in anderen Chören gesungen, in denen alles streng nach Noten lief. „Es geht uns auch darum, Hierarchien aufzubrechen“, sagt Uhlig, die als Jugendliche in Bremen im klassischen Chor Bach und Händel gesungen hat. Die bildende Künstlerin hat lange mit Stimmen experimentiert, ihre eigene dupliziert, aber sich selbst fand sie mehrstimmig langweilig. Außerdem fehlte die Eigendynamik, die den Chor ausmacht. „Jeder entscheidet selbst, ob er mir folgt oder sich selbst. Und ich greife natürlich auch auf, was der Chor macht.“ Diese Besonderheit schätzen alle hier, jede Probe und jeder Auftritt ist ein Erlebnis, das man selbst beeinflusst.

Der Chor diskutiert. Lassen wir die Zellentüren offen oder nicht? „Das klingt total voll“, sagt eine der Sängerinnen. Viele nicken. Aber passt das zum früheren Alltag des Raums? Oder lieber die isolierte Variante, so wie es wirklich war, mit verschlossenen Türen? Der Chor singt nicht nur, er läuft auch umher. Doch was, wenn sich zwei auf den schmalen Gängen entgegenkommen? Aneinander vorbei kommt man kaum, auf der einen Seite ist die Mauer mit den Zellentüren, auf der anderen das Geländer und die Tiefe. Macht man kehrt? Läuft man rückwärts? Und sieht man überhaupt noch Uhlig, die dirigiert? „Selbst wenn ich dich nicht sehe, sehe ich ja die anderen, die auf dich reagieren, und richte mich danach“, sagt Andrea Kähler. Sie ist schon seit der Gründung des Chores dabei, sie trägt beim Auftritt Beige. „Ja, oder ihr improvisiert dann“, sagt Uhlig. „Wie es eben kommt. Ihr könnt auch den Kopf in meine Richtung drehen, Hauptsache, es geschieht bewusst.“

Singen wie ein Ausbruch

Dann geht die Probe los, Uhlig trägt schwarze Kleidung und zieht zum Dirigieren weiße Handschuhe an. Knapp eine halbe Stunde wird getönt, es klingt oft überraschend harmonisch, immer unvorhersehbar, und die Zeit fliegt, so spannend ist das Geschehen. Die Gesten von Uhlig sind intuitiv verständlich und beziehen den ganzen Körper mit ein. „Das müssen sie auch, es sind mittlerweile über 80 Bewegungen.“ Auf die Nase zeigen bedeutet, ein N zu summen. Auf den Unterarm zeigen bedeutet ein U. Manchmal weist Uhlig mit der senkrechten, flachen Hand rhythmisch in eine Richtung, von dort tönt es dann rhythmisch zurück. Muss es aber nicht.

„Die Knastatmosphäre ist beim Singen total in den Hintergrund getreten“, erzählt Mona Siebke, ganz in Rot gekleidet. „Ich sehe den ganzen Raum, den ich füllen kann, mit Klängen, mit Bewegung.“ Das Singen sei ein bisschen wie ein Ausbruch. „Hier wurde früher bestimmt nicht gesungen.“

Performance „Aus-Brechen“, Sonntag, 18.30 Uhr, Söhtstraße 7, Lichterfelde. Eintritt zehn Euro, ermäßigt acht. Karten an der Abendkasse.

Weitere Highlights zum Tag des offenen Denkmals

Auf dem Gelände des Deutschen Sportforums nördlich des Olympiageländes finden am Sonntag um 11, 13, und 15 Uhr mehrere Rundgänge statt – Start ist jeweils am Haus des deutschen Sports. Am Sonnabend und Sonntag zwischen 11 und 16 Uhr ist das ehemalige Atelier des Architekten Hans Scharoun im Heilmannring 66a in Charlottenburg geöffnet. Ebenfalls in Charlottenburg bietet der Verein Gaslicht-Kultur am Sonnabend um 20 und 21 Uhr eine einstündige Radtour zu den Gas-Straßenlaternen im Kiez südlich des Schlosses. Ab dem frühen Nachmittag werden in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche an beiden Tagen zur vollen Stunde Führungen angeboten. Im Osten geht es derweil hoch hinaus: Am Sonnabend ab 13 Uhr und am Sonntag ab 14 Uhr in der Panorama-Tanz-Bar im 13. Stock des ehemaligen Hauses Berlin am Strausberger Platz – mit Sekt und Musik. Das ganze Programm und weitere Infos zum Tag des offenen Denkmals gibt es unter www.tag-des-offenen-denkmals.de.

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