Berlin : Tag des offenen Denkmals: Wir gehen zum Brunnen, bis er bricht

Kapielski/Kramer

Berlin ist historischer Boden. An vielen Stätten tritt einem die Geschichte der Stadt als vernarbtes Gelände und steinerne Hinterlassenschaft vergangener Epochen entgegen - sofern die Orte dem gewöhnlichen Besucher nicht verschlossen sind. Aus Anlass des "Tages des offenen Denkmals" dürfen von heute bis Sonntag Hunderte von Baudenkmälern in Berlin und Brandenburg besichtigt werden: Villen, Kirchen, Abspannwerke, Rinderauktionshallen, Schlösser, Brauereien und Schokoladenfabriken. Auch die Gaststätte "Zum Goldenen Hahn" am Kreuzberger Heinrichplatz wird dieser Tage geöffnet sein. In einem Schreiben an die UNESCO-Verwaltung haben der Schriftsteller Thomas Kapielski und der Verleger Bernd Kramer die Aufnahme dieses Lokals in die Liste des Weltkulturerbes gefordert. Der Tagesspiegel dokumentiert ihre Petition im Wortlaut: -Gemäß den Richtlinien für die Durchführung der Konvention zum Schutz des Kultur-und Naturerbes der Welt, beantragen die Unterzeichner bei der Deutschen Unesco-Kommission, dass die Gaststätte: Zum Goldenen Hahn Berlin-Kreuzberg, Heinrichplatz als Kulturerbe der Welt in die Liste Deutscher Denkmäler aufgenommen wird.

Begründung I

1. Die Gaststätte bildet mit ihrer Wirtin Inge, ihrer Kellnerin Diana und ihren ebenso wohlgesinnten wie überaus einnehmenden Gästen ein einzigartiges sozial- und milieuästhetisches Ensemble.

2. Die Gaststätte ist Zeugnis noch bestehender, hochentwickelter Trink- und Geselligkeitskultur, in ihren Räumen wird gastronomische Könnerschaft in unverwechselbarer Manier zelebriert.

3. Die Gaststätte beherbergt singulär und epochal bedeutsame Ausstattungen: ein funktionstüchtiges Heizregister, ein Hirschschädelfragment, einen präparatorisch beachtlich ausgestopften Uhu, die treffliche Reliefstellung eines Schäferhundhauptes, diverse Dessauer Bauhaus-Bestuhlungen, sowie ein, an sich und zentralheizerisch überflüssiges, aus konservatorischer Rücksicht dort aber belassenes, ziemliches Ofenrohr nebst räumlichem Allesbrenner. Nicht unerwähnt darf eine in dieser Art seltene Tischbedeckung bleiben, lässt sie doch, wenn auch in Fragmenten, die Hohe Kunst der Teppichwirkerei (Anjou, frühes 13. Jahrhundert) erkennen.

4. In den Erlebnisräumlichkeiten des Goldenen Hahns kommen, unter vornehmer Hinwegsehung über etwaige Standeszugehörigkeiten, alle Schichten der Bevölkerung zum bisweilen herzhaften Dialog oder auch alleinseligen Beträumen ihrer Alltagslage zusammen. Bacchantinnen, Alltagsjongleure, starke Raucher, behende Sozialhilfeartisten, wertkonservative Sauerländer, Mottenquäler, Herrenausstatter, Gralshüterinnen, Mund- und Fußtrinker.

Begründung II

Die sozialpolitischen Veränderungen in Deutschland bedingen insbsondere seit 1989, dass öffentliche Räume und vollendet belebte Räumlichkeiten, zu denen auch die oben genannte Gaststätte Zum Goldenen Hahn zählt, durch gewinngierige Wühlarbeiten und Designsucht postmodern gleichgeschalteter Architekten ihrer Überlebensmöglichkeiten beraubt werden.

Die Unterzeichner verstehen sich als Radikal-Konservatoren, die Erhaltenswertes unter Einsatz ihrer psychischen und physischen Kräfte und vermittelst aller ihnen zur Verfügung stehenden Trink- und Denkfähigkeit bewahren wollen. Der Goldene Hahn ist nicht nur seiner einzigartigen historischen Authentizität wegen bewahrenswert, sondern kräftigt auf vorbildliche Weise die sittliche Festigkeit seiner Gäste sogar langfristig und in internationaler Hinsicht. Daraus ergibt sich zwingend, dass die Gaststätte Zum Goldenen Hahn als höchstlöbliches Unikat in ihrem jetzigen Zustande auf die Liste Deutscher Denkmäler zu setzen ist. Es wird für notwendig erachtet, dass die Unesco sich schützend und bewahrend und ohne Einschränkung hinter die Gaststätte und ihre Kundschaft stellt. Denn: "Ist das Trinkgefäß erst leer, macht es keine Freude mehr!" (Wilhelm Busch)

Unterzeichner

Thomas Kapielski, Bernd Kramer

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