Berlin : Tag für Tag auf der Suche nach „Tags“

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Zehlendorf. Ein Saubermann sei er nun wirklich nicht, sagt Gustav Lommerzheim. Das klingt so pingelig. Dann schon eher der „Graffiti-Sheriff“. Dieser Titel habe etwas Offizielles und Respektvolles. Und genau das braucht der 88-jährige Senior, um seine Mission zu erfüllen. Denn der freundliche Herr mit den grauen Locken kümmert sich täglich um seinen Kiez an der Sundgauer Straße. Lommi, wie ihn Bekannte nennen, ist verschnörkelten Zeichen und zackigen Formen auf der Spur. Noch vor fünf Jahren gab es in seinem Viertel auf fast jeder Parkbank, an Häuserwänden und Laternenmasten hunderte Graffiti. Inzwischen sind die Schmierereien weniger geworden: Gustav Lommerzheim entfernt hartnäckig die Farbe. An manchen Stellen bestimmt bis zu 20 Mal.

„Irgendwann gaben die Sprayer dann müde und lustlos auf“, freut sich der quirlige Rentner. Und er fühlt sich bestätigt: Nur Schimpfen nütze nichts. Wenn Lommerzheim das Haus verlässt, hat er immer Putzzeug dabei: ein paar Lappen, Schwämme, eine Wasserflasche, Sandpapier und eine spezielle Paste. Denn auch beim Einkaufen oder auf dem Weg zum Arzt sieht er Schnörkeleien. Auch wenn ihn manche Kiezbewohner für verrückt erklären – die meisten freuen sich über sein Engagement. Lommerzheim würde es aber besser finden, wenn noch mehr mit zugreifen würden. Vier freiwillige Helfer schlossen sich mittlerweile „Mister Nofitti“ an und sind in benachbarten Kiezen den Schmierereien auf der Spur. Beschimpft wurde der Rentner noch nie.

Vielleicht liegt es daran, dass er den Sprayern kaum direkt begegnet. Vielleicht gibt es zwischen dem rüstigen Senior und den Sprayern auch ein stillschweigendes Abkommen. Lommerzheim lässt nämlich an einigen Stellen die Hände von den Graffiti. Die Bank am S-Bahnhof Sundgauer Straße gehört dazu. „Hier trifft sich immer die Graffiti-Klicke“, sagt er. Dafür respektieren die Jugendlichen seine sauberen Ecken.

Lommerzheim verurteilt nicht pauschal alle Sprayer. Gemeinsam mit dem Bezirksamt und dem seit zehn Jahren bestehenden „Nofitti-Verein Berlin e.V.“ setzt er sich für legale Graffiti-Flächen ein. Und er ist davon überzeugt, dass farbige Parkbänke oder bunte Fassaden gar nicht erst zum Beschmieren einladen. Neulich hat sich der Senior allerdings selbst auf dem Spielplatz an der Brettnacher Straße verewigt. So trägt das Dach der kleinen Spielhütte jetzt seine Handschrift: Lommerzheim zeichnete eine Kirche und eine riesige Sonne darauf. Und die schwarzen Kritzeleien auf der Tischtennisplatte ergänzte er mit roten und blauen Farbklecksen. Seit dem sind dort keine neuen „Tags“ hinzugekommen.

An ein Gespräch mit einem Abiturienten der im Kiez seine Spuren hinterließ, erinnert sich Lommerzheim gern. „Ich habe ihm geraten, er soll etwas aus seinem Talent machen“, erzählt der Senior. „Inzwischen ist er Werbegrafiker.“ Offenbar hält sein Hobby den ehemaligen Fotoverkäufer jung. Gustav Lommerzheim ist Berlins ältester Tanzübungsleiter. Drei Mal in der Woche trainiert er Senioren. Bis vor zwei Jahren produzierte er noch eine eigene Tanzsendung im Offenen Kanal. Seine Frau hat auch schon den „Graffiti-Blick“. Sie gibt manchmal Tipps, wo er wieder sauber machen muss. Steffi Bey

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