Berlin : Tag und Nacht sind wieder vereint

Die Portalruine am Anhalter Bahnhof erhielt ihre beiden historischen Skulpturen zurück. Damit ist der erste Bauabschnitt geschafft

Cay Dobberke

Ein Kran hievte die Bronzeskulptur „Die Nacht“ gestern auf die Portalruine des Anhalter Bahnhofs am Askanischen Platz in Kreuzberg. Kurz zuvor hatte dort auch schon das Gegenstück „Der Tag“ seinen angestammten Platz zurückerhalten. Die ihren Blick verhüllende Frau symbolisiert die Nacht, der in die Ferne blickende Mann den Tag. Nur die einstmals zwischen den beiden angebrachte Uhr fehlt und ist nur noch durch den erhalten gebliebenen Steinrahmen zu erahnen. „Verlorengegangenes rekonstruieren wir nicht“, umschrieb die Berliner Architektin Christina Petersen das Ziel bei der andauernden Sanierung des Baudenkmals.

Die Rückkehr der je 3,60 Meter hohen Figuren am gestrigen Dienstag markiert den Abschluss des ersten Bauabschnitts der Sanierungsarbeiten am Portal. Genau genommen sind die Skulpturen Nachbildungen, denn die Originale konnten nicht mehr mit vertretbarem Aufwand repariert werden. Trotzdem sollen diese bald im Deutschen Technikmuseum zu sehen sein, derzeit lagern die alten Plastiken in einer Werkstatt.

Seit nunmehr zwei Jahren laufen die Arbeiten an dem Baudenkmal, spätestens 2005 sollen die Gerüste verschwinden. „Ich hoffe, dass wir es vielleicht noch bis Ende dieses Jahres schaffen“, sagt Petersen. 1,18 Millionen Euro stehen zur Verfügung, um die Reste eines der repräsentativsten Bahnhöfe aus dem 19. Jahrhundert wieder in Schuss zu bringen. Das Geld stammt von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD), dem Bundesverwaltungsamt, der Senatsbauverwaltung und dem Bezirk.

Das erste Gebäude des einstigen „Berlin-Anhaltinischen Eisenbahnhofs“ war 1841 entstanden. Der Name hing damit zusammen, dass die Zugverbindungen zunächst ins Herzogtum Anhalt führten. Weit über Berlin hinaus bekannt wurde erst der spätere Backsteinbau mit einer 177 Meter langen und 34 Meter hohen Halle. Die Entwürfe stammten vom Architekten Franz Schwechten, der in Berlin auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gestaltete. Nach achtjährigen Arbeiten wurde das zweite Bahnhofsgebäude 1880 mit einer Zeremonie im Beisein von Kaiser Wilhelm I. und Otto von Bismarck eröffnet. Der gelb geklinkerte Kopfbahnhof hatte pompöse Wartesäle und sogar ein „Kaiserzimmer“ für die Herrscherfamilie. Lange Zeit blieb die Station der größte deutsche Fernbahnhof. Bis zu 40 000 Menschen passten in die Halle. Die Züge fuhren unter anderem nach Istanbul, Neapel und Moskau. Ein Tunnel unter der Königgrätzer Straße – der heutigen Stresemannstraße – führte vom Bahnhof direkt ins Hotel Excelsior.

Doch im Februar 1945 brannte der Bahnhof nach Bombentreffern weitgehend aus. 1952 wurde der Fernbahnverkehr eingestellt, zwischen 1956 und 1960 folgte der Abriss. Die Friedrichshain-Kreuzberger Bürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) sagte gestern, das Portal sei nur „durch Bürgerproteste gerettet“ worden. Aus Reinauers Sicht ist die Ruine ein wichtiges Zeugnis der Industrialisierung und der Anfänge des Berliner Eisenbahnverkehrs.

Dass eine Sanierung dringend nötig ist, hatten Untersuchungen in den Jahren 2000 und 2001 gezeigt: Witterungsschäden und Pflanzenbewuchs bedrohten bereits die Standfestigkeit. Laut Architektin Petersen geht es jetzt „nicht um eine Verschönerung, sondern allein um einen dauerhaften Zustand“. Auch in Zukunft kann das Portal also nur eine Ahnung von dem einstigen Prunk vermitteln. Die S-Bahnen werden es ohnehin weiterhin nur unterirdisch passieren.

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