Tagesspiegel-Expertenrunde : Was das Kind braucht

Eine Expertenrunde des Tagesspiegels beriet am Freitag zur Wahl der richtigen Grundschule. Sie wissen aus Erfahrung: Ein "hoher Migrantenanteil verschlechtert nicht automatisch das Lernklima“.

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Die Suche nach der besten Schule war Thema unserer Podiumsdiskussion. -Foto: Q

Der erste Schultag soll allen Beteiligten ja eigentlich Spaß machen: Den Kindern wegen des neuen Lebensabschnitts, den Eltern wegen des Gefühls, dass ihr Nachwuchs in seiner Grundschule gut untergebracht ist. Und optimal gefördert wird.

Eine Idealvorstellung, die nicht immer mit der Berliner Realität übereinstimmt. Ihre Fragen und Sorgen zum Thema Grundschule konnten Leser des Tagesspiegels am Freitagabend in der Urania stellen – und sich anschließend auch im persönlichen Gespräch beraten lassen. Fünf Bildungsexperten hatten auf dem Podium Platz genommen. Gerd Nowakowski, der beim Tagesspiegel das Ressort Berlin-Brandenburg leitet, moderierte die Veranstaltung, die sich an unsere Serie zu den Grundschulen anschloss.

Auf die Frage nach der richtigen Schule für das eigene Kind riet Birgit Koß vom privaten Institut für Schulberatung den Zuhörern, sich genau zu überlegen, was das eigene Kind brauche: „Ein schüchternes Kind sollte vielleicht in eine kleinere Schule, ein anderes kommt auch in einer größeren Schule zurecht.“

André Schindler,Vorsitzender des Landeselternausschusses, nannte die Schule hingegen ein „Glücksspiel“. Denn schon wenn ein Lehrer Probleme mache, gebe es auch in einer guten Einrichtung Schwierigkeiten.

Erhard Laube, Abteilungsleiter der Senatsbildungsverwaltung, empfahl den Eltern, auftauchende Probleme in der Schule sofort anzusprechen: „Von einer guten Schulen kann man erwarten, dass sie die Probleme aufgreift.“

Susanne Vieth-Entus, Schulredakteurin des Tagesspiegels, riet den Eltern, die Kinder in ihrer Entscheidungsfähigkeit nicht zu überschätzen: „Die Entscheidung, in welche Schule das eigene Kind gehen soll, müssen letztlich die Eltern treffen.“ Und ebenso wie Erhard Laube verwies sie darauf, dass ein hoher Migrantenanteil nicht automatisch das Lernklima verschlechtere – da diese Quote nichts darüber aussage, ob die Kinder aus bildungsfernen oder -nahen Elternhäusern kämen. Da aber die Eltern kaum einschätzen könnten, welche Schülerstruktur ihr Kind auf der Schule erwarte, steige das Interesse an Privatschulen.

„Die Schule muss ein zuverlässiger Partner sein und jedes Kind im Blick haben“, sagte Andreas Wegener, Geschäftsführer der privaten Kant-Schule. Die Frage einer Besucherin nach dem Vorteil einer Privatschule beantwortete Susanne Vieth-Entus, in dem sie auf das Verantwortungsgefühl der Schulleitung verwies: Wenn in einer staatlichen Schule etwas nicht funktioniere, zeige die Schulleitung mit dem Finger oft in Richtung Bildungsverwaltung. In privaten Schulen würden die Schwierigkeiten direkt angepackt. „Bei uns sind die Wege kurz, wenn es Probleme gibt“, bestätigte Andreas Wegener. Und Probleme gebe es an einer Schule immer. Dass sich viele Eltern sogenannte „Deckadressen“ zulegen, damit sie ihre Kinder nicht in ihrem eigentlichen „Einzugsbereich“ einschulen müssen, hält André Schindler vom Landeselternausschuss für nachvollziehbar. „Ich würde den Eltern empfehlen, zu mogeln.“ Das sei Ausdruck einer starken Verunsicherung.

Zugleich stellte er die Frage, weshalb der Senat nicht in allen Bezirken auf breiter Ebene gute Schulen anbiete. Andererseits könne die Schuld auch nicht immer auf die Finanzen geschoben werden: Jeder Lehrer müsse sich fragen, was er vor Ort für seine Schüler tun könne.

Das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül), bei dem die erste und zweite Klasse gemeinsam unterrichtet werden, nannte Erhard Laube die „anspruchsvollste Tätigkeit“, die ein Lehrer in Berlin ausüben könne. Laut Susanne Vieth-Entus gibt es inzwischen weniger Beschwerden über den jahrgangsübergreifenden Unterrricht als zuvor befürchtet wurde. Obwohl sich einige Eltern darüber beklagten, dass die Lehrkräfte durch die beiden Jahrgangsstufen gestresst seien. Dennoch sei es ein Glück, „dass die verbliebenen 30 Prozent der Berliner Grundschulen, die das Jül noch nicht eingeführt hätten, auch nicht dazu gezwungen werden. Den Vorschlag, die Arbeit einer Schule transparenter zu machen, indem die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten veröffentlicht werden, wies Erhard Laube zurück: Es sei nicht sicher, dass diese Arbeiten wirklich Aufschluss über die Qualität einer Schule geben könnten.

Die Serie zum Thema Schulwahl wird der Tagesspiegel im Februar fortsetzen: Dann geht es um die Wahl der richtigen Oberschule. Rita Nikolow

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