Tagesspiegel hilft : Das Glück des zweiten Lebens

Als der Großvater aus dem Kosovo in Berlin todkrank wurde, halfen die Tagesspiegel-Leser. Jetzt lebt er wieder in seiner Heimat.

Detlef Vetten

Der Papa, sagt Naim, lächelt wieder wie früher. Naim Suka sitzt in der properen Wohnung in der Mariendorfer Kruckenbergstraße, schenkt nach Sitte der Väter Tee ein und nötigt die Gäste, auch ordentlich Zucker zu nehmen. So, wie es bei ihm zu Hause im kosovarischen Suharek Bllace der Brauch ist.

„Es ist so schön, dass der Papa wieder fröhlich sein kann. Wo wir doch im letzten Sommer dachten, er müsste sterben. Dann haben ihn die deutschen Ärzte gerettet. Aber nach der Operation dachten wir, die Kosten erdrücken uns. Wir haben sehr viel Ärger gehabt damals. Und dann haben uns so viele Menschen aus Berlin gezeigt, dass das hier eine gute Stadt ist.“

Die Achterbahnfahrt der Sukas im Stenogramm: Naims Frau Shpresa bringt in Berlin das erste gemeinsame Kind zur Welt – Jolina, eine süße Kleine. Die Großeltern kommen mit dem Flieger nach Deutschland, um die Enkelin zu bewundern und knuddeln. Man hat ein paar wundervolle Wochen in einer sommerheiteren Stadt. Kurz vor der Abreise aber geht es Sherif schlecht. Krebs!, stellt der Arzt fest. In der Charité wird der Todkranke auf den letzten Drücker operiert.

Gerade noch einmal geht alles gut – nur die Reiseversicherung ist abgelaufen, und die Familie sitzt auf 25 000 Euro Verbindlichkeiten. Maschinenbauer Naim putzt die Klinken aller möglichen Institutionen, die eventuell zuständig sein könnten. Höflich wird er allenthalben vor die Tür komplimentiert. Das ist die Zeit, in der er sagt: „Ich bin traurig über das, was wir erleben. Ich wollte nicht, dass meine Eltern so ein Deutschland erleben.“

Der Tagesspiegel berichtet. Und, was Naim Suka nie erwartet hätte, viele Berliner melden sich und helfen ihm mit Spenden. Kleinen und größeren. Ein Tagesspiegel-Leser erfährt im südafrikanischen Kapstadt via Internet von den Sukas und überweist 500 Euro.

Die ärgsten Löcher können Naim und seine Frau jetzt stopfen. „Ich war überwältigt. Die Menschen haben uns mit über 5000 Euro geholfen. Und die Charité ist uns auch entgegengekommen.“

Noch einmal ist der Papa inzwischen operiert worden – dann erklärten die Ärzte, er sei wieder so gesund, wie ein 64-Jähriger nur sein kann. Sie haben sehr geweint damals, Naim, seine Frau Shpresa und seine Mutter Tahere. Nur Sherif, der Chef der Sukas, trug schon wieder die gelassene Heiterkeit eines Mannes im Gesicht, mit dem es das Leben gut meint.

Der Papa reiste nach Suharek Bllace und kehrte zurück in den Alltag eines Rentners, dem die Arbeit nie ausgeht. Morgens um halb sieben, so erzählt sein Sohn, macht er die Runde ums Haus, füttert das Getier, trinkt seinen Kaffee. Danach gibt es immer etwas zu tun – auch in diesem grauen, kalten Winter. Aber Sherif, kein Mensch großer Worte, erledigt alles mit einer Freude, die er bisher nicht gekannt hat. Abends, wenn Tahere im Fernsehen ihre Liebesschnulzen guckt, sitzt Sherif mit den Kumpels zusammen und erzählt ab und zu von seinem persönlichen Happy End – und von der Stadt mit den vielen Lichtern und riesigen sauberen Krankenhäusern. Schöne Kliniken sind das, sagt er dann.

„Er genießt sein zweites Leben“, sagt der Sohn. Er rührt hektisch im Tee – dabei hat sich der Zucker längst aufgelöst. Naim Suka tut so, als ob er keine feuchten Augen hätte: „Vor kurzem haben wir telefoniert, und der Papa meinte, er ist froh, dass wir da leben, wo wir leben. Und dass er wiederkommen möchte. Das ist schön, oder?“

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