Tagesspiegel im Einsatz für Menschenrechte in Russland : Gold wert

Putin, Politik, Punkte: In Sotschi engagierten sich Jugendreporter der Paralympics Zeitung aus Berlin und Potsdam für Sport und Inklusion. Und das Tagesspiegel-Projekt feierte zehnjähriges Bestehen.

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Wir haben da mal eine Frage. Die Nachwuchsreporter Amrei Zieriacks (l.), Julia Hollnagel und Christina Spitzmüller in Rosa Chutor im Gespräch mit der fünffachen Goldmedaillengewinnerin Anna Schaffelhuber.
Wir haben da mal eine Frage. Die Nachwuchsreporter Amrei Zieriacks (l.), Julia Hollnagel und Christina Spitzmüller in Rosa Chutor...Foto: Thilo Rückeis

Plötzlich war alles surreal, ein bisschen wie in einem Computerspiel. Auf dem Plateau im Kaukasus nestelten die jungen Berichterstatter aus Berlin und Brandenburg aufgeregt an ihren Akkreditierungen mit den internationalen Pins, griffen sich ihre Laptops aus dem überheizten, aber stets pünktlichen Bus. Am Umsteigeplatz vom Medienbus TM 16 zur Sicherheitsdurchleuchtung im Skigebiet von Rosa Chutor befand sich eine der versteckten Militärstationen: Tarnfarbengrün drehte sich dort stets einer der Radare, und darunter ragte eine kreisrunde Abwehrgeschossbatterie bedrohlich in den Himmel. „Strasstwutje“, grüßte da der Volunteerhelfer in seiner bunten Kluft fröhlich, „enjoy the Games!“ Von der voll besetzten Tribüne klingen schon morgens Begeisterungsstürme herüber. Zwei Welten in einer, ein täglicher Spagat.

Kriegsveteranen mit Power am Start

Es waren die 11. Winterparalympics der Geschichte, die einst als Wettstreit von Versehrten des Zweiten Weltkrieges im britischen Stoke Mandeville begannen. Bei den Sledgehockey- und Rollstuhlcurlingwettbewerben interviewten die Jungreporter nun bei den Spielen 2014 auch Kriegsveteranen aus Afghanistan und dem Irak im Team GB und USA. Bei den politisch aufgeladenen Paralympics in Russland, nur 400 Kilometer von der Krim entfernt, feierte das Projekt Paralympics Zeitung (PZ) des Tagesspiegels bereits sein zehnjähriges Bestehen. Es waren euphorisierende sportliche und bereichernde menschliche sowie bewegende politische Erfahrungen für die Reporter sowie das Betreuerteam des Tagesspiegels und der Partneragentur Panta Rhei.

Im Bus war Christina Spitzmüller aus Potsdam noch ein wenig müde. Die Redaktionssitzung unten im gemütlichen Holzwohnhaus der Jugendlichen nahe dem Schwarzen Meer hatte am Vortag bis tief in die Nacht gedauert, viele schrieben zusätzlich noch für ihre Heimatzeitungen, und der Wecker klingelte jeden Morgen früh. „Es ist aber toll, unter realen Bedingungen als Journalistin zu arbeiten“, sagt die Potsdamerin. Je zwei Stunden Hin- und Rückfahrt planten die insgesamt sechs deutschen, sechs russischen und zwei britischen Jungjournalisten der Paralympics Zeitung vom Sotschi-Ortsteil Adler bis hoch zu den Sportstätten der alpinen und nordischen Wettbewerbe im majestätischen Kaukasusgebirge jeden Tag ein. Sie interviewten Sportstars wie die fünffache Goldmedaillengewinnerin Anna Schaffelhuber, trafen den IOC-Präsidenten Thomas Bach, berichteten als Radioreporter für einen russischen Sender – und wurden in ihrer Tagesspiegel-Teamkleidung auch selbst zu dem Projekt interviewt.

Gratulation. Zum 10. Jubiläum der Paralympics Zeitung des Tagesspiegels gab es einen Empfang im Deutschen Haus in Gorky Gorod. Paralympicssieger Gerd Schönfelder (r.) interviewte Moritz Döbler, Geschäftsführender Redakteur (l.), Karin Preugschat von Panta Rhei und Annette Kögel, Gründerin der PZ im Tagesspiegel. Eingeladen hatte der Förderer, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung.
Gratulation. Zum 10. Jubiläum der Paralympics Zeitung des Tagesspiegels gab es einen Empfang im Deutschen Haus in Gorky Gorod....Foto: Thilo Rückeis

In der brandenburgischen Landeshauptstadt wohnt die 21-jährige Christina Spitzmüller in einer WG, sie studiert „Interdisziplinäre Russlandstudien“ an der Uni Potsdam. In Sotschi hat die Reporterin unter Palmen und Zypressen mit Sergej Grinj, einem 34-jährigen Sehbehinderten, den Inklusionspraxistest in der behindertengerecht ausgebauten russischen Vorzeigeregion gemacht: Im öffentlichen Nahverkehr hilft Blinden das Projekt „Sprechende Stadt“, da werden über einen Lautsprecher Haltestellen und Busnummern angesagt. Das Sozialamt ist auch für Rollstuhlfahrer zugänglich, und Grinj kann Relief- und Brailleschrift an den Türen ertasten.

Staatspräsident Wladimir Putin, der dem Schülerprojekt vor dem Krimkonflikt Interviewfragen beantwortete und den man nun bei den Spielen in Sotschi zurückgelehnt mit erhabenem Gesichtsausdruck applaudieren sah, betonte immer wieder, dass er sein Land nach paralympischem Städtevorbild behindertenfreundlich umbauen will. „Es ist beeindruckend, das live mitzuerleben“, sagte Jungreporterin Julia Hollnagel, die in Berlin in Mariendorf wohnt. Hinter ihr schrie ein russisches Pärchen gegen den Jubel an: „Jeder Sportler hier ist ein Held, die Paralympics sind so wichtig für unser Land.“ 26 Stunden war die sprachbehinderte Frau mit ihrem Mann im Zug nach Sotschi gereist.

Die Ukraine flehte um Frieden

Auch wegen dieser gesellschaftlichen Dimension der Spiele war der Tagesspiegel in Russland dabei, in enger Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden in Berlin, zu keiner Zeit gab es eine Warnung. Die Jugendlichen erlebten große Weltpolitik im Kleinen. Sie hielten bei der Pressekonferenz, als das Team Ukraine um Frieden flehte, mit hunderten Medienvertretern den Atem an. Sie staunten, wie begeistert die Russen die Ukraine und auch die USA anfeuerten. Sie hörten, wie UN-Sonderberater Willi Lemke appellierte, nicht Brücken des Dialogs abzubrechen.

Mehr als 600 Sportler, 700 Betreuer, 45 Nationen, 3000 Medienvertreter, 9000 Freiwillige, eine Rekordzahl von 300 000 Ticketverkäufen: „Ich habe mich in die paralympische Familie aufgenommen gefühlt“, sagt Spitzmüller. Sie ist jetzt auch Fan der blinden Alpinskifahrer und ihrer Guides, die mit gut 100 Stundenkilometern die steilen Pisten hinabrasen. Sie sah die jungen Snowboarder, die ihr Hosenbein über der Hightechstahlprothese selbstbewusst hochkrempeln. PZ-Reporter und Facebook-Seiten-Betreuer Nico Feißt erlebte mit, wie die Russen als herzliche und stolze Gastgeber ihre ruhmreichen Sieger in Actionfilmen im Fernsehen zelebrierten.

Im Team. Mit Mannschaftskleidung der Paralympics Zeitung und der ersten Ausgabe auf Russisch vorm Wohnhaus der Jugendredakteure und Tagesspiegelbetreuer in Adler nahe dem Schwarzen Meer. Vorn freut sich Mitinitiator Gregor Doepke von der DGUV.
Im Team. Mit Mannschaftskleidung der Paralympics Zeitung und der ersten Ausgabe auf Russisch vorm Wohnhaus der Jugendredakteure...Foto: Thilo Rückeis

Zuvor hatte der Projektunterstützer und PZ-Mitherausgeber, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), die Reporter zum Vorbereitungsseminar nach Moskau geladen. Dort sahen alle, wie Menschen mit Behinderungen in Russland sonst häufig leben. Sie stehen dort als Bettler auf Holzkrücken an der Straße, Passanten werfen ihnen Rubel in den Hut, bekreuzigen sich. „Ich habe erst gar nicht verstanden, warum mir die Menschen ständig Geld anbieten“, sagt der junge Journalist Jonas Wengert.

Wenn er doch mal im Rollstuhl Unterstützung brauchte, dann schob ihn auch Mitstreiter George gern am fauchenden paralympischen Feuer mit den beleuchteten Wasserkaskaden entlang. George und sein Kollege Bradley erstellten die internationale Ausgabe „Paralympics Post“ auf Englisch. Die zwei russischen Ausgaben des „Paralimpijskij Reporter“ lagen der unabhängigen Zeitung Vedomosti bei. Die beiden deutschen Ausgaben bekamen die Leser der Zeit, des Handelsblatts, der Potsdamer Neuesten Nachrichten und des Tagesspiegels. Mehr als eine Million Leser haben so die Spiele mit den Jugendlichen miterlebt.

Alle mal herlesen. Die Ausgaben auf Deutsch, Russisch und Englisch erschienen unter anderem in der Zeit, im Handelsblatt, im Tagesspiegel und der russischen Zeitung Vedomosti. Auflage: 1,5 Millionen.
Alle mal herlesen. Die Ausgaben auf Deutsch, Russisch und Englisch erschienen unter anderem in der Zeit, im Handelsblatt, im...Fotos: Thilo Rückeis

Die Reporter möchten gern wieder zurück

„Ich nehme die Erfahrung mit, dass man generell immer beide Seiten hören muss“, sagt Julia Hollnagel. „Und am liebsten würde ich jetzt wieder zurück.“ Dass IPC-Präsident Sir Philip Craven die Spiele als „die besten Winterparalympics der Geschichte“ bezeichnete, kann sie angesichts der politischen Belastung aber nicht nachvollziehen. Derweil ist Christina Spitzmüller schwer beschäftigt. Ihre Glücksbringerhäkelfigur Elfriede haben sich einige in Sotschi als Duplikat gewünscht. Elfriede, alias El-Friede.

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