Tagesspiegel-Serie "20 Wende-Geschichten" : Gut drauf auf der Mauer

Simone Flöttmann hat den 9. November am Brandenburger Tor mit Sekt gefeiert. Ein mulmiges Gefühl blieb aber, auf der Ostseite standen Wasserwerfer und Grenzer. Geöffnet wurde das Tor erst Ende 1989.

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Das Tor der Freiheit. "Mr. Gorbatschow, tear down this wall", forderte hier US-Präsident Reagan 1987. Mitten im Sperrgebiet lag einst das Brandenburger Tor, auch DDR-Bürger konnten Berlins Wahrzeichen nur aus der Ferne betrachten - unvorstellbar für Nils Flöttmann, hier mit seiner Mutter Simone.
Das Tor der Freiheit. "Mr. Gorbatschow, tear down this wall", forderte hier US-Präsident Reagan 1987. Mitten im Sperrgebiet lag...Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Und ohne es zu wollen, zog jemand Simone auf die Mauer. Da stand sie, wacklig, aber sie stand.“

Aus dem Aufsatz von Nils Flöttmann

Vor dem Brandenburger Tor macht Simone Flöttmann 25 Jahre nach dem Mauerfall ein Selfie, von sich und ihrem Sohn Nils. Sie steht auf der Ostseite des Brandenburger Tores, im früheren sowjetischen Sektor, im Hintergrund ihres Selbstporträts ist der Platz des 18. März zu erkennen. Damals, als Medizin-Studentin in West-Berlin, hätte sie nie gedacht, dass sie dem Brandenburger Tor mal so nah sein würde. In der Nacht zum 10. November hat sie mit Tausenden von Menschen vor dem Brandenburger Tor gefeiert – und zwar oben auf der Mauerkrone.

„Ich wusste nicht, dass du den Mauerfall so nah miterlebt hast“, sagt Nils zu seiner Mutter, als sie das Brandenburger Tor entlangschlendern. „Ich dachte immer, du hättest das nur durch die Presse erfahren.“ Simone Flöttmann schüttelt den Kopf. „Nein, nein. In jener Nacht hatte ich Spätdienst in der Elisabeth-Klinik in der Nähe der Kurfürstenstraße. Als Medizin-Studentin an der Freien Universität habe ich auf der Intensivstation gearbeitet. Eine Kollegin, die ursprünglich aus der DDR kam, hat sehr spät abends einen Anruf bekommen, dass die Mauer gefallen sei – da sind wir mit dem Fahrrad zum Brandenburger Tor gefahren.“ Dort angekommen, zwängten sie sich gemeinsam durch die Menschenmassen, die auch auf der Westseite zur Mauer gekommen waren. Nils macht große Augen. In seinem Aufsatz für den Tagesspiegel-Wettbewerb hatte er geschrieben, dass seine Mutter in der DDR lebte und arbeitete. „Das habe ich wohl falsch verstanden.“ Auch einen Trabi fuhr seine Mutter nicht. „Unsere Lehrerin hat gesagt, wir dürfen die Geschichte auch etwas ausschmücken.“ Künstlerische Freiheit nennt der Zehnjährige das stolz.

November 1989: Simone Flöttmann, die damals Medizin-Studentin war, hat im turbulenten Wende-Herbst immer wieder Fotos gemacht, etwa hier in der Nähe des Brandenburger Tores.
November 1989: Simone Flöttmann, die damals Medizin-Studentin war, hat im turbulenten Wende-Herbst immer wieder Fotos gemacht,...Foto: privat

„Der Rest stimmt ja“, beruhigt ihn seine Mutter. „Ich habe meine Kollegen aus den Augen verloren und stand plötzlich alleine vor der Mauer.“ Eigentlich wollte sie den Leuten, die oben auf der Mauer standen, nur zuwinken, erinnert sie sich. „Aber sie dachten wohl, ich wollte rauf. An meiner Lederjacke haben sie mich hochgezogen, die Sektflasche ging rum und wir haben uns umarmt und gefeiert.“ Nils staunt, was für ein Abenteuer seine Mutter damals erlebt hat. In all den Freudentaumel mischte sich allerdings auch eine Schrecksekunde. Simone Flöttmann stand nicht direkt vorm Brandenburger Tor, sondern weiter westlich, in Richtung Reichstag. „Dort war die Mauerkrone ja eine Röhre, ich brauchte eine Weile, bis ich einigermaßen fest stand und zum Brandenburger Tor schauen konnte.“ Dann sah sie Wasserwerfer, die auf die Menschen gerichtet waren und anfangs auch eingesetzt wurden, wie sie später erfuhr. „Da war mir etwas mulmig.“ Die Stimmung sei sehr freudig gewesen, aufgeregt und dynamisch.

„Viele Menschen fingen sofort an, Mauerstücke rauszuschlagen“, sagt die 50-jährige Ärztin. „Ich weiß, so eins haben wir auch zu Hause“, wirft Nils dazwischen. Über die Berliner Mauer und die DDR weiß Nils eine ganze Menge, schließlich hat er sich schon in der dritten Klasse mit dem Thema beschäftigt. Vor kurzem war er mit der Klasse im DDR-Museum. „Da konnte ich mich in einen Trabi setzen und eine Fahrt simulieren – das war klasse“, sagt der Fünftklässler. Der Grund für sein Interesse an der Flucht aus der DDR liegt in der Familiengeschichte: sein Opa ist 1956 mit gefälschten Papieren in den Westen geflohen. Gebraucht hätte er die Papiere nicht – mit der S-Bahn konnte er ohne Grenzkontrolle vom Ost- in den Westteil der Stadt fahren. „Bevor wir damals zum Brandenburger Tor gefahren sind, habe ich noch bei Opa angerufen“, erzählt die Fachärztin für Anästhesie und Rettungsmedizin. „Er hat nur geweint und sich gefreut, dass er seine Heimatstadt Dresden wieder besuchen kann.“

Nach der Öffnung der Grenze gab es keine Kontrollen mehr an den innerstädtischen Übergängen, dennoch bildeten sich täglich auf der Ost-Seite lange Staus.
Nach der Öffnung der Grenze gab es keine Kontrollen mehr an den innerstädtischen Übergängen, dennoch bildeten sich täglich auf der...Foto: privat

Im April 1988 war Simone Flöttmann nach ihrem Physikum in Marburg nach Berlin-Charlottenburg gezogen. Als Nils’ Großeltern sie Anfang 1989 einmal besuchten, fuhr die Familie gemeinsam nach Ost-Berlin. „Wir sind mit der U-Bahn zur Friedrichstraße gefahren und ich habe diese Kontrolle als sehr bedrohlich in Erinnerung“, erzählt die Mutter. Nils will für seinen Aufsatz mehr darüber wissen. „Es war sehr voll, wir wurden in einen Gang geschoben. Da war überall beißendes Neonlicht. Es war kalt und zugig.“ Die ganze Familie, vor allem sein Großvater, war sehr aufgeregt. „Ich weiß noch, Opa war auf der Rückreise klatschnass vor Schweiß, als wir unsere Pässe abgegeben haben“, erinnert sie sich. „Dann hat die Kontrolle auch so lange gedauert und Opa hat erst als Letzter seinen Pass bekommen. Da hatten wir alle Angst. Nach Ost-Berlin sind wir nicht wieder gefahren.“

Die Frage, wann sie zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor spaziert ist, kann Simone Flöttmann ihrem Sohn ganz genau beantworten: „Das war am Heiligabend 1989.“ Zwei Tage nachdem das Brandenburger Tor unter großem Jubel und in Anwesenheit von Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow wieder geöffnet wurde. „Durch jeden einzelnen Durchgang bin ich damals gegangen, so wie wir heute.“

NOVEMBER 1989 Nach der Öffnung der Grenze gab es keine Kontrollen mehr an den innerstädtischen Übergängen, dennoch bildeten sich täglich auf der Ost-Seite lange Staus.

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