Tagesspiegel-Serie : Dicke Luft am Checkpoint

Jahrzehntelang verlief der Eiserne Vorhang direkt durch Berlin, der unbestrittenen Hauptstadt der Spione Als Filmstoff war das unbezahlbar, und so schauten alle mal vorbei – von Hitchcock bis James Bond.

Andreas Conrad

So viele Journalisten! Kameras, Scheinwerfer, Batterien von Laptops, Telefonen. CNN sitzt neben N3, daneben die Italiener, Japaner. Ein Politiker eilt eine endlose Hoteltreppe herab, ein Pulk von Reportern umschwirrt ihn. „Ja, die Sensation. Die Mauer ist auf!“ N3 verschluckt fast seine Zigarette, Italien gestikuliert, redet auf den fiktiven Gegenüber ein, obwohl die Kamera längst vorbei ist.

„Fuck it! Fuck it! Fuck it!“ Gerade noch huschte ein zufriedenes Lächeln über Regisseur John Schlesingers Gesicht, dann der Wutausbruch auf den letzten Metern des Takes. War wohl wieder ein Komparse vor den Hauptdarsteller gelaufen.

Für „The Innocent“ war es keine Schlüsselszene, die an jenem Julitag 1992 im Foyer des Grand Hotels in der Friedrichstraße, des heutigen Westin Grand, entstand, aber gedreht wurde sie in endloser Kamerafahrt, die hatte ihre Tücken. „…Und der Himmel steht still“, wie der Film vom deutschen Verleih leider betitelt wurde, war die erste internationale Großproduktion im Studio Babelsberg nach der Wende: 28 Millionen D-Mark teuer, mit Stars wie Anthony Hopkins und Isabella Rossellini, nach dem Roman von Ian McEwan, der „Eine Berliner Liebesgeschichte“ vor dem Hintergrund der Operation „Gold“ erzählte. So hieß die Spionageaktion der Amerikaner und Briten, die 1954/56 in Rudow einen Tunnel gen Osten gegraben hatten, um sowjetische Telefonkabel anzuzapfen.

Auch nach der Wende hatte der Kalte Krieg seine Faszination nicht verloren, wenngleich sich Schlesinger ums Historische kaum kümmerte. Ihn interessierte „die Liebesgeschichte, wie sie der Paranoia der damaligen Zeit gegenübersteht“, die Stadt blieb Staffage. Immerhin schwärmte er vom Flughafen Tempelhof („Such a perfect location“), wo eine Abschiedsszene à la Casablanca entstand, auf dem militärischen Teil, was nicht einfach war – das Drehbuch erschien den US-Behörden unpatriotisch. Doch die Reste der Abhörstation hat der Regisseur nie besucht, sich nicht darum geschert, dass in West-Berlin die Staatsoper durchs Bild huscht oder in einer 1956er-Szene die Reste des Anhalter Bahnhofs, der erst später gesprengt wurde: „Unwichtig. Die Mehrheit der Zuschauer registriert diese Art von Löchern nicht.“

Solche Ignoranz gegenüber dem Dreh- oder Handlungsort Berlin, wenngleich sie nicht grundsätzlich gegen einen Film spricht, hat Tradition. Schon Alfred Hitchcock hatte bei „Der zerrissene Vorhang“ die Ost-Berliner Schauplätze weitgehend in Hollywood nachgebaut, konnte zur Entschuldigung aber anführen, dass der Eiserne Vorhang 1965/66 eben noch nicht zerrissen war. So ist es nicht die echte Alte Nationalgalerie, durch die Paul Newman als vermeintlicher Überläufer Professor Armstrong hastet, verfolgt vom StasiWachhund Gromek alias Wolfgang Kieling. Immerhin, die Reise seines Helden hatte Hitchcock selbst gemacht: „Ich bin nach Kopenhagen gefahren, dann mit einer rumänischen Fluggesellschaft nach Ost-Berlin, nach Leipzig, wieder nach Ost-Berlin und dann nach Schweden.“ Aber im Film taucht der reale Osten nur in einem Schwenk über Gendarmenmarkt und Umgebung auf sowie in einer schauspielerfreien Szene an der Neuen Wache.

Newman spielte nur die Karikatur eines James Bond. Doch auch der wahre 007 war in Berlin im Einsatz, 1983 in „Octopussy“, mit Roger Moore als Hauptdarsteller. Die britische Botschaft in Ost-Berlin, in die sich Agent 009 schleppt, war im Studio nachgebaut worden. Die Fahrt von 007 und seinem Chef M über den Kurfürstendamm aber wurde am originalen Ort gedreht, ebenso ihre Ankunft am Checkpoint Charlie, über den Bond in die DDR geschleust wird – unter erhöhter Wachsamkeit der realen Grenzer, wie Koproduzent Michael Wilson schilderte: „Wenn die Wachen eine Filmcrew in der Nähe sehen, dann heißt das im Militärjargon , Zwischenfall’ und bedeutet, dass es zwischen Offiziellen in Washington, Moskau und hier Diskussionen gibt. Glücklicherweise ist der ,Zwischenfall’ eher von geringer Bedeutung.“ Auch eine Verfolgung über die Avus wurde gedreht, die im Film nahe einer westdeutschen US-Airforce-Base spielt – vorneweg Bond im Lancia, dahinter deutsche Polizisten im BMW. Keine Frage, wer in diesem Rennen siegte.

Die nächsten Folgen:

Badetag: Fr., 10. August

Wendezeit: Die., 14. August

Kulisse Berlin: Fr., 17. August

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