Tagesspiegel-Spendenaktion : Ein Lichtblick für Obdachlose in Berlin

Das Projekt "Neustart" fängt Obdachlose mit Wohnungen auf, ermöglicht ihnen, selbstständig wohnen zu können. Jetzt benötigen die Helfer Waschmaschinen.

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Helfen in der Not: Kerstin Schwabow leitet das Projekt "Neustart".
Helfen in der Not: Kerstin Schwabow leitet das Projekt "Neustart".Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Man könnte jetzt natürlich eine Rangliste aufstellen: Was ist das Hässlichste, das ins Auge sticht, wenn man nach unten schaut? Die dreckigen Backsteine des heruntergekommenen Hauses links oder der graue Beton des Parkplatzes, der direkt an den vergammelten Hinterhof grenzt? Oder doch die vollgesprayte Brandmauer rechts? Eigentlich egal, hier wirkt alles trostlos, wenn man in dieser Wohnung in der Weißenseer Roelkestraße aus einem der Fenster im fünften Stock schaut.

Aber wenn man aus der sozialen Kälte kommt, aus der Obdachlosigkeit oder vom Weg dorthin, wenn man in diese Zwei-Zimmer-Wohnung zieht, dann ist allein schon ein Fenster, aus dem man ungestört blicken kann, wann immer man will, etwas Herrliches. Vor allem wenn in der Küche auch noch ein Herd mit drei Kochstellen steht und darüber eine Dunstabzugshaube hängt. Einen weißen Wandschrank gibt’s noch dazu.

Eine Frau mit Kind erhält eine Wohnung

Eine Frau mit ihrem Kind wird hier in Kürze einziehen, sie verlor ihre Wohnung, sie benötigte schnelle Hilfe. Aber jetzt steht Kerstin Schwabow vor dem Herd und sagt, dass alles gut wird. Sie hat auch dafür gesorgt, dass die junge Frau diese Wohnung erhält. Die Diplompädagogin Schwabow ist Bereichsleiterin für Flüchtlings- und Wohnungslosenarbeit beim Humanistischen Verband Deutschlands (HVB), sie ist beim Projekt „Neustart“ für die Roelkestraße zuständig.

Der HVB hat hier in zehn Wohnungen Männer und Frauen mit Kindern zwischen 20 und Mitte 40 untergebracht. Sie waren fast alle obdachlos, oder ihnen drohte ein Leben auf der Straße. Fast alle waren unfähig, ihr Leben zu strukturieren. „Diese Menschen benötigen eine Betreuung, um eigenständig wohnen zu können“, sagt Kerstin Schwabow.

Die Menschen sollen selbstständig wohnen können

Das ist ja das Ziel des Projekts: Die Menschen hier sollen umziehen in eine eigene Wohnung, sie sollen sich hier stabilisieren, damit sie später eigenständig ihr Leben in den Griff bekommen. „In der Regel wohnen die Menschen hier 18 Monate“, sagt Schwabow.

Natürlich gibt es auch einen Waschkeller. Dort rattert eine Waschmaschine ihrem technischen Ende entgegen. Der HVD hatte sie als Spende erhalten, gebraucht. Der Verschleiß ist enorm, hier waschen alle Bewohner.

Und deshalb bittet das Projekt „Neustart“ um Spenden. Zwei Industriewaschmaschinen will Schwabow im Waschkeller aufstellen lassen, Geräte, die für sehr hohen Gebrauch ausgelegt sind. Dazu hätte sie gerne einen Trockner und zehn Lagerregale. Und eine Werkstatt, ja, die würde sie auch gerne hier unten noch einrichten. Es geht schließlich darum, diesen Menschen so weit wie möglich einen normalen Alltag zu ermöglichen. Denn die Betreuung durch den HVB ist zeitlich begrenzt. Pro Klient haben die Helfer wöchentlich im Schnitt rund drei Stunden Zeit.

Lernen, über den trostlosen Alltag hinaus zu planen

Oft verbringen sie diese Zeit bei Ämtern, sie begleiten die Bewohner der Roelkestraße zu Behörden, sie klären Fragen, sie nehmen den Menschen des Projekts damit auch die Angst vor Behördenkontakten. Jobcenter sind ständige Anlaufstelle der Helfer und ihrer Klienten. In der Roelkestraße leben viele Bewohner von Hartz IV. Sie haben oder hatten Suchtprobleme, sie kommen aus bildungsfernen Familien oder haben nie gelernt, mit Geld umzugehen. Fünf Wohnungen im Haus sind für Mütter mit Kindern vorgesehen, vier für alleinstehende Männer, eine Drei-Zimmer-Wohnung ist zur WG geworden. Zwei Frauen und ein Mann leben dort.

In der Roelkestraße können sie alle durchatmen, und sie lernen zum ersten Mal seit langer Zeit, über einen trostlosen Alltag hinaus zu planen. Da gibt es zum Beispiel diesen jungen Mann in der Dreier-WG im Haus. Der Mann kam aus der Obdachlosigkeit, er hat sich stabilisiert, inzwischen arbeitet er bei einer Zeitarbeitsfirma und hat sogar einen Ausbildungsplatz erhalten. Das Jobcenter half dabei, „Neustart“-Helfer unterstützten ihn ebenfalls.

Junge Menschen werden aber auch gefordert

Fördern und fordern, die Leitlinie des Jobcenters, steht auch für die Arbeit des Projekts. „Wir achten darauf, dass sich die jungen Leute, die zu uns kommen, um ihre Ausbildung bemühen“, sagt Kerstin Schwabow. Den Kontakt zum HVB stellen in der Regel die zuständigen Stellen der Bezirksämter her, aber auch der Sozialpädagogische Dienst ruft an und bittet um Mithilfe. Manchmal kommen die Menschen aber auch selbst zu den Anlaufstellen des HVB.

Und diese Hilfe zeigt in vielen Fällen Wirkung. Da ist zum Beispiel dieser Mann mit heftiger Vergangenheit, der Probleme mit dem Alkohol hatte und seine Emotionen nicht im Griff hatte, wenn er betrunken war. Im Dezember 2015 zog er in die Roelkestraße, inzwischen trinke er keinen Tropfen Alkohol mehr, sagt die Bereichsleiterin. Er bemühe sich um einen normalen, strukturierten Alltag und habe sogar einen Ausbildungsplatz. „Er hat sich enorm gewandelt“, sagt Kerstin Schwabow.

Es gibt natürlich Grenzen bei der Frage, wer einziehen darf. Erstens muss eine Wohnung frei sein, zweitens kommen Menschen mit schweren psychischen Problemen nicht infrage. „Die müssen von Fachleuten behandelt werden“, sagt Kerstin Schwabow. Die Menschen, die in der Roelkestraße eine Wohnung erhalten, müssen vor allem sozial kompatibel sein. Wer keine Rücksicht auf andere nimmt, wer bei Behörden extrem auffällig wird, den können sie hier nicht betreuen.

Die Wohnungssuche ist ein hartes Geschäft

Aber auch wenn diese Menschen gelernt haben, wenigstens in Grundzügen ihre Probleme in den Griff zu bekommen – draußen, außerhalb der Roelkestraße, treffen sie wieder auf den harten, teilweise brutalen Alltag. Einen Alltag allerdings, den sehr viele Menschen in dieser Stadt kennen. Eine Wohnung zu finden, ist eine verdammt harte Geschichte, selbst für Menschen ohne schwierige Vita.

Die Frau, die aus der Wohnung ausgezogen ist, in der jetzt Kerstin Schwabow neben einem Farbeimer steht, hatte sogar noch Glück. Sie hatte nach neun Monaten etwas gefunden, das ist für Berliner Verhältnisse nichts Ungewöhnliches.

Aber die Wohnung, die jetzt frei geworden ist, bietet ja nicht bloß Herd und Schrank. Sie hat noch ein zweites Fenster, und das reicht sogar fast bis zum Boden. Und der Ausblick dort hat durchaus etwas Angenehmes. Genau gegenüber liegt eine begrünte Dachterrasse mit Tisch und drei Gartenstühlen.

Spenden bitte an: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, BIC: BELADEBE, IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42. Namen und Anschrift bitte für den Spendenbeleg auf der Überweisung notieren. Im Internet: www.tagesspiegel.de/spendenaktion

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